Im September 2016 wurde an der Universität Tübingen ein Symposium abgehalten. Veranstalter war der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VDH). Das Thema der Konferenz ließ sich mit einem einzigen Wort benennen: Hitler. Der Bericht, der den Ablauf der Veranstaltung wiedergibt, beginnt mit der Feststellung, dass Hitler für die Historiker ein »mysterium tremendum et fascinosum« sei.1 So ein Mysterium ist keine Kleinigkeit. Es ist ein Geheimnis, das jede menschliche Vernunft übersteigt.2

Wie bitte?, fragt der geschichtswissenschaftliche Laie. Hitler – ein Geheimnis? Haben sich die Historiker denn nicht jahrzehntelang eingehend mit dieser Person beschäftigt? Was soll zu Hitler noch Neues gesagt werden, das nicht schon seit Langem in den unzähligen Hitler-Publikationen und -Dokumentationen breitgetreten wurde? Tatsächlich scheint es, als sei das Thema ›Hitler‹ bis ins letzte Detail ergründet. Aber diese Auffassung wird offenbar ausgerechnet von denjenigen, die es doch eigentlich am allerbesten wissen müssten, nämlich von den Historikern, nicht geteilt. Tatsächlich bleibt auch bei den meisten Laien, egal wie viele Hitler-Biografien sie studiert haben mögen, am Ende ein unbefriedigender Eindruck zurück. Die einzelnen Punkte von Hitlers Leben sind zwar alle akribisch erforscht, doch wenn die Biografen diese Punkte miteinander verbinden, will sich ein schlüssiges Bild der Person und ihrer Geschichte nicht einstellen. Irgendetwas passt nicht zusammen. Doch ein »missing link« lässt sich nirgendwo entdecken. Das ist ungewöhnlich, und ungewöhnlich sind auch die Spuren, die Hitler in der Geschichte hinterlassen hat.

Könnte es sein, dass ein Begreifen dieser ungewöhnlichen historischen Gestalt möglich wird, wenn man sich bei deren Untersuchung einer ungewöhnlichen Methode bedient? Diesen Versuch möchte ich mit meinem Buch unternehmen. Es ist ein historisches Sachbuch, wurde aber nicht von einem Historiker geschrieben, sondern von einem Drehbuchautor. Für die andere, erweiterte Perspektive, die dieser Text präsentiert, ist die Arbeitsweise des Drehbuchautors nicht nur hilfreich, sondern notwendig. Denn was in dem vorliegenden Text in erster Linie ergründet werden soll, ist das Selbstverständnis Adolf Hitlers. Wenn es gelingt zu verstehen, oder zumindest zu erahnen, wie dieser Mensch sich selbst verstanden hat, dann wird es möglich zu begreifen, warum er in gewissen Situationen so und nicht anders agiert hat. Damit nähert man sich aber auch einem sehr viel tieferen Verstehen seiner Geschichte und seiner Wirkung.

Das Selbstverständnis des Protagonisten steht für einen Drehbuchautor grundsätzlich immer im Mittelpunkt seiner Arbeit. Denn bevor ich eine Geschichte erzählen kann, muss ich das Selbstverständnis meines Protagonisten genauestens kennen. Das Selbstverständnis erfüllt die Charaktereigenschaften des Protagonisten mit Sinn, welche seine Handlungen antreiben, die wiederum den Plot erzeugen. So lässt sich jede Geschichte verstehen als das nach außen gewendete Selbstverständnis des Protagonisten. Man könnte auch sagen: Das Selbstverständnis des Protagonisten und seine Geschichte sind zwei Seiten derselben Medaille. Das gilt für fiktionale Geschichten genauso wie für die Geschichten, von denen die Historiker berichten.

Das Faktenmaterial, das die Grundlage meiner Arbeit zu diesem Buch darstellte, unterscheidet sich in nichts von dem Material, das ein Historiker seiner Arbeit zugrunde legt. Sorgfältige Recherche war auch für meine Arbeit die Grundvoraussetzung. Der Unterschied besteht in der Art und Weise, in der das Wissen, das durch die Recherche gewonnen wurde, verarbeitet wird. Während der Historiker, der »Geschichte-Erzähler«, seinen Protagonisten und dessen Handlungen von außen betrachtet, lese ich als »Geschichten-Erzähler« gewisse Dokumente, die mit dem Protagonisten persönlich zu tun haben, aus dessen Perspektive. Ich versetze mich also in die Lage des Protagonisten und nähere mich auf diese Weise seinem Selbstverständnis. Dass diese vollkommen andere Herangehensweise an einen wichtigen Teil des Faktenmaterials zu einem fundamental anderen Ergebnis führt als die Herangehensweise des Historikers, belegt dieses Buch.

Mein Text unterscheidet sich auch aus einem weiteren Grund von anderen Arbeiten. Er folgt nicht ein weiteres Mal dem plattgewalzten Lebensweg des Diktators von der bedrückenden Kindheit in Fischlham, Lambach und Linz über die ärmlichen Jahre in Wien und München bis zum Selbstmord im Bunker. Der Inhalt des Buches ist auch nicht auf einen einzigen Bereich aus diesem Leben beschränkt, wie etwa »Hitlers Freunde«, »Hitlers Frauen« oder »Hitlers Finanzen«. Im Fokus stehen Fakten, die mit Hitlers Selbstverständnis zu tun haben, und Zusammenhänge, die im Strudel der Informationsflut zu Hitler oft untergehen und daher kaum bekannt sind. Dabei beleuchtet mein Buch vor allem gerade auch diejenigen Aspekte, bei denen ich aufgrund meiner Recherchen zu der Auffassung gekommen bin, dass die vorherrschende Darstellung mit den Erkenntnissen der aktuellen Forschung nicht übereinstimmt. Die einzelnen Kapitel folgen keinem linearen Bezug; sie sind wie Teile eines Puzzles zu verstehen, dessen Zusammenhang sich dem Leser erst am Ende des Buches erschließen wird. Damit das Lesen unterhaltsam bleibt, habe ich Kurioses und Skurriles nicht ausgespart.

In seinen Anmerkungen zu Hitler (1978) hat Sebastian Haffner die große Frage der Hitler-Forschung mit Worten zusammengefasst, die auch heute noch gerne zitiert werden: »Man kann suchen, solange man will, man findet in der Geschichte nichts Vergleichbares. (…) Niemals erweist sich derselbe Mensch als scheinbar hoffnungsloser Stümper, dann ebenso lange Zeit als scheinbar genialer Könner und dann wiederum, diesmal nicht nur scheinbar, als hoffnungsloser Stümper. Das will erklärt sein.«

Ein Teil der Antwort auf Haffners Frage findet sich, wie wir sehen werden, in der jahrzehntelangen schiefen und oft regelrecht erfundenen Darstellung der Person Hitlers sowohl in der populärwissenschaftlichen wie auch in der akademischen Literatur. Als Hitler seine Laufbahn antrat, war er in vielerlei Hinsicht eben gerade nicht der »hoffnungslose Stümper«, als den man ihn auch heute noch gerne beschreibt. Was bleibt, ist die Frage nach Hitlers »Genie«. Schließlich beruhte sein außergewöhnlicher Erfolg auf der Tatsache, dass viele Menschen etwas Geniales in ihm sehen konnten. Und das waren nicht nur die »leicht verführbaren Massen«. Es waren – gerade auch in den entscheidenden Anfangsjahren seiner Karriere – hochgebildete, kritische und intelligente Einzelpersonen. Was war es, das Hitler in den Augen dieser Menschen zu etwas »Besonderem« gemacht hat? Will man diese Frage beantworten, muss man fundamentale Annahmen der Hitler-Forschung einer vorurteilsfreien Prüfung unterziehen. Forschungsergebnisse, die zur Zeit Sebastian Haffners unbekannt waren, weisen hier den Weg und helfen, die entscheidenden Zusammenhänge zu entschlüsseln. Wenn sich am Ende meines Buches die Teile des Puzzles zu einem Bild zusammenfügen, wird erkennbar, dass das »mysterium tremendum et fascinosum« nicht die Person Hitler ist, sondern etwas, was weit darüber hinausweist.

1. F. Esposito, Tagungsbericht: HT 2016: „Hitler. Eine historische Vergewisserung 20.9.2016 – 23.9.2016“, in: H-Soz-Kult, Hamburg, 5.11.2016, hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-6801

2. Siehe: Definition des „Mysterium Tremendum“ und „Mysterium Fascinans“ von Rudolf Otto in: „Das Heilige“, München 2014