MYSTERIUM


Zeitzeugen, die Hitler vor dem Ende des Ersten Weltkriegs kennenlernten, wussten nichts Außergewöhnliches über ihn zu berichten. Er wurde als ein introvertierter Bücherwurm und Stubenhocker beschrieben. Kein besonderes Talent zeichnete ihn aus. Die Aquarelle und Zeichnungen, mit denen Hitler seinen Lebensunterhalt verdiente, waren von durchschnittlicher Qualität, trotzdem sah sich Hitler selbst als ein künstlerisches Genie. Aber auch diese Selbstüberschätzung war nicht besonders speziell. Den Glauben an die Größe des eigenen Genies teilte der junge Hitler mit der überwiegenden Mehrheit junger Künstler und Möchtegern-Künstler aller Epochen. Er war auch kein begnadeter Redner. Im Gegenteil: Rudolf Häusler, mit dem Hitler vor dem Ersten Weltkrieg in München ein Zimmer teilte, klagte über seine langatmigen und einschläfernden Monologe. Auch seinen Kriegskameraden war Hitlers Vorliebe für lange Monologe aufgefallen. Aber auch während der Zeit an der Front konnte sich niemand daran erinnern, dass Hitler mit seinen weitschweifigen Vorträgen so etwas wie Begeisterung auszulösen vermocht hätte.

Hitler zeigte eine gewisse Starrheit im Denken, aber da er intelligent und kreativ war, hätte er es sicher vermocht, ein Universitätsstudium zu absolvieren, hätte er nicht frühzeitig die Schule verlassen und sich damit eine akademische Laufbahn verbaut. Seine Wiener Bekannten attestierten ihm einen Hang zur Rechthaberei und ein jähzorniges Temperament; negative Eigenschaften, sicherlich, aber in keiner Weise ungewöhnlich. Mit dem traurigen Schicksal, in der Kindheit von einem tyrannischen Vater misshandelt worden zu sein, war Hitler ebenfalls nicht allein. Dass Hitler Vorurteile hatte, insbesondere was die Angehörigen anderer Völker betraf, war auch nichts Besonderes. Vorurteile dieser Art waren im Wien der Jahrhundertwende genauso zu Hause wie heute überall auf der Welt. Hitler verehrte seine Mutter, er liebte Tiere und machte sich in Wien viele Gedanken darüber, wie das soziale Elend der unteren Schichten gelindert werden könnte. Frauen himmelte er aus der Ferne an und zog es ansonsten vor, näheren Kontakten mit dem weiblichen Geschlecht aus dem Weg zu gehen. Er interessierte sich für Architektur und die Malerei des 19. Jahrhunderts, er hatte eine Vorliebe für exzentrische Theorien über die Entstehung des Universums, er vergötterte das Deutschtum und Richard Wagner, saß tagelang in Bibliotheken und liebte Süßspeisen. Die einzige Besonderheit, die ihn auszeichnete, war sein fotografisches Gedächtnis und die damit verbundene Fähigkeit, sich ganze Buchseiten auswendig merken zu können. Dieser Mann wurde 1938 vom Times Magazine zum »Mann des Jahres« erklärt.1 Und die Londoner Evening Post vom 22. Oktober 1936 zitierte den ehemaligen britischen Premierminister David Lloyd George mit den Worten: »Hitler ist einer der größten der vielen großen Männer, die ich getroffen habe.«

Sir Alan Bullock, der renommierte britische Autor einer frühen Hitler-Biografie, erklärte dazu: »Für meinen Teil muss ich sagen, dass es mir umso schwerer fällt, das Geschehene zu erklären, je mehr ich über Adolf Hitler erfahre. Die Ursachen reichen nicht aus, um das Ausmaß der Wirkungen zu erklären. Unsere Vernunft weigert sich glauben zu müssen, dass der junge Hitler der Stoff war, aus dem (…) die Cäsars und Bonapartes gemacht sind. Und dennoch: die historischen Aufzeichnungen sind da und beweisen, dass wir Unrecht haben.«2 Bullock hat sich nicht gescheut zu bekennen, dass er Hitlers Entwicklung nicht verstehen kann. Das ist ihm hoch anzurechnen, denn so offen wie Alan Bullock gestehen Wissenschaftler kaum jemals das Versagen ihrer Erklärungsmodelle ein. Ungereimtheiten versteckt die Wissenschaft üblicherweise hinter komplexen Hypothesen, oder sie werden als »unbedeutend« abgetan.

Hitler ist 56 Jahre alt geworden. Dass es über die ersten 30 Jahre seines Lebens nichts Besonderes zu berichten gibt, spiegeln sämtliche Biografien wider. Nur 165 Seiten seiner 2312 Seiten umfassenden Hitler-Biografie widmet der britische Biograf Ian Kershaw der ersten Hälfte von Hitlers Leben. Joachim Fest beschäftigt sich damit gerade mal 125 Seiten lang, während sein Werk insgesamt 1198 Seiten umfasst. Volker Ullrich fasst Hitlers erste Lebenshälfte auf 57 von 1650 Seiten zusammen, und Peter Longerich, dessen Biografie 2015 erschien, widmet Hitlers erster Lebenshälfte nur einen Prolog von 40 Seiten seines 1017 Seiten umfassenden Textes. In der Überschrift ist die Quintessenz dieses Prologes zusammengefasst. »Ein Niemand« heißt es da.3

Dass hier etwas nicht stimmen kann, ist offensichtlich. Doch keiner von Hitlers Biografen hat das so ehrlich bekannt wie Alan Bullock. Stattdessen hat man sich bemüht, den frappierenden Bruch zwischen dem »Niemand« der ersten Lebenshälfte und dem »Jemand« der zweiten nicht zum Thema zu machen. Verständlicherweise möchte kein Biograf nach einem »Warum« fragen, auf das er keine vernünftige Antwort weiß. Eine einleuchtende Erklärung dafür, warum ein Mensch, der die erste Hälfte seines Lebens als ein »Niemand« verbringt, plötzlich, in der zweiten Lebenshälfte, in der Lage ist, die ganze Welt auf den Kopf zu stellen, fehlt.

Derselbe Hitler, dessen Bekanntenkreis während fünf langer Jahre in Wien ausschließlich aus gescheiterten Existenzen – Männerheimbewohnern und Obdachlosen – bestand, wurde nach dem Ersten Weltkrieg innerhalb weniger Monate zu einem begehrten Mittelpunkt der gesellschaftlichen Elite Münchens. Die Veranstaltungen, auf denen Hitler nach dem Krieg sprach, waren in kürzester Zeit so überfüllt, dass selbst die größten Festsäle Münchens, die über 3.000 Menschen fassten, zu klein waren und Hitler gezwungen war, in eine Zirkusarena auszuweichen, wo 6.000 Zuhörer Platz fanden.4 Dabei war das, was Hitler in seinen Reden von sich gab, nicht originell. Viele andere völkisch-nationale Agitatoren verbreiteten dieselbe Mischung aus Vorurteilen, Phobien und Heilserwartungen wie er.5 Es war aber auch nicht das, was er sagte, was die Zuschauer in Massen anzog. Wie er es sagte, war entscheidend. Der »Niemand« war plötzlich von einer Aura des »Besonderen« umgeben. Dieses »Besondere« führte dazu, dass Hitlers Partei unter den 50 (!) aktiven politischen Parteien in München zunehmend wahrgenommen wurde. Das Publikum spürte, dass Hitler anders war als die Führer anderer Parteien. Sie wirkten schwach und unsicher, während Hitler seinen Weg mit unbeirrbarer Gewissheit zu gehen schien. Hitler konnte das Gefühl vermitteln, dass er keinerlei Zweifel hatte an der Erreichung eines »großen, leuchtenden, gemeinsamen Ziels«.6

Auffallend ist auch der Aktionsdrang, der Hitler plötzlich erfasst hatte. Vor dem Krieg hatte er als Kunstmaler und Postkartenkopierer ein gemächliches Leben gelebt. Seine Tage hatte er in Bibliotheken und Kaffeehäusern mit Lesen verbracht. Aber jetzt auf einmal war er wie ausgewechselt. Er tippte Versammlungseinladungen und verteilte sie, hielt Besprechungen mit Mitstreitern ab, traf sich mit einflussreichen Geldgebern, schmiedete Koalitionen mit möglichen Verbündeten, baute eine politische Partei nach seinen Vorstellungen um, stellte eine paramilitärische Einheit auf, wurde Verleger, kaufte eine Zeitung, organisierte deren Redaktion und schrieb Artikel. Nicht zuletzt jagte er von einem Rede-Termin zum nächsten. »Im Jahre 1920 trat er allein einundzwanzigmal als Hauptredner in Münchener Parteiversammlungen auf. In mindestens sieben weiteren Versammlungen in München war er Diskussionsredner. Darüber hinaus sind neben einem Vortrag (…) in Stuttgart – elf auswärtige Reden für die Partei (…) bezeugt, ferner vier Reden im Frühherbst im österreichischen Wahlkampf.«7

Die Faszination, die von Hitler ausging, ist bekannt. Bekannt sind auch zahllose Bekundungen seiner Zuhörer, die die hypnotische Kraft betonten, die Hitler auf sie ausübte. Hier, als Beispiel für viele, die Darstellung von Kurt Lüdecke, einem frühen Anhänger Hitlers, der später ins Ausland floh: »Augenblicklich waren meine kritischen Fähigkeiten ausgeschaltet. (…) allein durch die Macht seines Glaubens hielt er die Massen und mich mit ihnen gefangen unter einem hypnotischen Bann. (…) Ich weiß nicht, wie ich die Gefühle beschreiben soll, die mich durchdrangen, als ich diesen Mann hörte. (…) Ich erlebte ein Hochgefühl, das sich nur mit einer religiösen Bekehrung vergleichen lässt.«8 Was Ilse Heß über die erste Begegnung ihres Mannes mit Hitler berichtet, erinnert ebenfalls an eine religiöse Bekehrung: »Er war wie ein neuer Mensch, lebendig, strahlend, nicht länger niedergeschlagen und bedrückt. Irgendetwas völlig Neues, etwas Erschütterndes mußte ihm widerfahren sein.«9 Auch der Schwiegersohn von Richard Wagner, der rassistische Bestsellerautor Houston Stewart Chamberlain, muss wohl bei seiner ersten Begegnung mit Hitler im Jahr 1923 etwas Ähnliches empfunden haben. In Hitler sei »eine Gewalt am Werke, deren Wesen es ist, Kosmos zu gestalten«, schrieb er.10 Max Amann, ein Vorgesetzter Hitlers im Ersten Weltkrieg, wurde während der Nürnberger Prozesse gefragt, ob der spätere Führer schon während des Krieges als Redner aufgefallen sei. Amann verneinte. »Aber nach dem Krieg, 1919/20«, sagte Amann, »da kannte ich ihn nicht mehr. Es brannte ein unbekanntes Feuer in ihm.«11 Hitlers ehemaliger Vorgesetzter Fritz Wiedemann machte anlässlich eines Regimentstreffens in den frühen 20er-Jahren eine ähnliche Erfahrung: »Daß er inzwischen ein anderer geworden war, konnte ich auf den ersten Blick feststellen.«12 Auch Hitler selbst war seine Verwandlung bewusst: »Ich glaube«, sagte er 1930 beim Jahrestag der Revolution von 1918, »ich hätte vor diesem Jahr (1918, d. Verf.) nicht vor zwanzig Menschen sprechen können, ohne um Worte verlegen zu sein.«13

Das hatte sich nun grundlegend geändert.14Es besteht nicht der geringste Zweifel: Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges war aus Hitler ein anderer Mensch geworden. Am 12. September 1919 sprach Hitler im Rahmen einer Diskussionsrunde im Sterneckerbräu zum ersten Mal öffentlich und hatte 43 Zuhörer. Einen Monat später hielt er im Hofbräukeller am Wiener Platz eine Rede. Er war immer noch völlig unbekannt, genauso wie seine Partei, die DAP. Dennoch erschienen an diesem Abend bereits 131 Menschen. Und als er einen Monat später im Eberlbräukeller sprach, da interessierten sich schon 300 Zuhörer für ihn. Drei Monate später verkündete er vor 2000 Zuhörern das Programm seiner Partei. Hitlers Rednertalent alleine kann den enormen Zuwachs an Zuhörern in kürzester Zeit nicht erklären. Rednertalent, das beweisen die Karrieren von unzähligen Politikern in aller Welt, verschafft einem nicht automatisch die Aufmerksamkeit einer breiten Öffentlichkeit. Wie in jeder Karriere, so ist auch in der Politik der Anfang das Schwierigste. Ein politischer Redner, auch der talentierteste, braucht Jahre und oft Jahrzehnte, um sich mit harter Knochenarbeit überhaupt öffentlich bemerkbar zu machen. Für Hitler galt das nicht. Die Mitgliederzahl seiner Partei wuchs innerhalb von 4 Jahren von 55 auf über 55.000 (!) Mitglieder an.15

Ein Wunder. Es fällt schwer, ein Wort zu finden, das diesen kometenhaften Aufstieg aus dem völligen Nichts besser beschreibt ...

Ende der Vorschau für dieses Kapitel

1. Siehe: Times Magazine, 2. Januar 1939, Bd. XXXIII, Nr. 1

2. Franz Jetzinger, »Hitler’s Youth«, Vorwort der englischen Übersetzung, London 1958, S. 10, zit. in: R. G. L. Waite, »The Psychopathic God Adolf Hitler«, New York 1977, Vorwort

3. Kein einziger Biograf geht anders vor. In sämtlichen Hitler-Biografien ist dessen erste Lebenshälfte in auffälliger Weise unterrepräsentiert. Konrad Heiden: 95 Seiten von 788, Alan Bullock: 54 Seiten von 868, John Toland: 89 Seiten von 1031, Ernst Deuerlein: 43 Seiten von 179, Werner Maser: 52 Seiten von 176

4. Franz-Willing, S. 254, zit. in: M. Plewnia, »Auf dem Weg zu Hitler«, Bremen 1970, S. 73

5. 15 (!) völkisch-nationalistische Münchner Parteien schürten dieselben Vorurteile wie Hitler. Siehe: H. Auerbach, »Hitlers politische Lehrjahre und die Münchner Gesellschaft 1919–1923«, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 25 (1977), Heft 1, S. 14

6. H. Frank, »Im Angesicht des Galgens«, München 1953, S. 40

7. R. H. Phelps, »Hitler als Parteiredner 1920«, Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 11 (1963), S. 281

8. »Presently my critical faculty was swept away. (…) he was holding the masses, and me with them, under a hypnotic spell by the sheer force of his conviction. (…) I do not know how to describe the emotions that swept over me as I heard this man. (…) I experienced an exaltation that could be likened only to religious conversion.« K. G. W. Lüdecke, »I knew Hitler«, London 1938, S. 22 f

9. Ilse Heß, »Gefangener des Friedens. Neue Briefe aus Spandau«, Leoni 1955, S. 5

10. Brief Chamberlains an Hitler vom 7.10.1923, zit. in: Hartmut Zelinsky, »Richard Wagner – ein deutsches Thema«, Berlin/Wien 1983, S. 169 f, zit. in: M. Rissmann, »Hitlers Gott«, Zürich/München 2001, S. 106

11. Einvernahme Max Amann in Nürnberg am 5.11.1947, Spruchkammerakt Max Amann, Sonderregistratur, Bayr. Hauptstaatsarchiv, München, Bd. 1, Blatt 27, zit. in: B. Horstmann, »Hitler in Pasewalk«, Düsseldorf 2004, S. 52

12. F. Wiedemann, »Der Mann, der Feldherr werden wollte«, Velbert/Kettwig 1964, S. 54

13. BAK NS 26/52/88 (8. XI.30), zit. in: R. Binion, »… daß ihr mich gefunden habt«, Stuttgart 1978, S. 16

14. Hitler »erhielt körbeweise bewundernde Briefe, in nationalistischen Kreisen ging die Rede von Hitler als dem deutschen Mussolini, man zog Vergleiche mit Napoleon.« I. Kershaw, »Hitler 1889–1936«, Stuttgart 1998, S. 175

15. Siehe: A. Joachimsthaler, »Hitlers Weg begann in München 1913–1923«, München 2000, S. 271, 295, 307