PERSÖNLICHKEITSBILD


Einen Menschen, der die Verantwortung trägt für Leiden in unvorstellbarem Ausmaß, mag man nicht in positiven Farben porträtieren. Dementsprechend ist das Bild, das die Chronisten nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges von Hitler gezeichnet haben, ausnahmslos abwertend, düster und schwarz. So ist Hitler zum »Goldstandard des Bösen« (Financial Times) geworden.

Seinen Ursprung hat unser heutiges Hitler-Bild in der Kriegspropaganda der Siegermächte. Als Anführer des Feindes wurde Hitler bereits während des Krieges von seinen alliierten Gegnern als ein grausamer Bösewicht dargestellt, der ausschließlich negative Eigenschaften besaß. Als der Krieg vorbei war, wurde dieses Bild von den besiegten Deutschen übernommen. Am Anfang geschah das auf Befehl der Besatzer. Deutsche Journalisten und Medienschaffende waren von den Alliierten in der unmittelbaren Nachkriegszeit beauftragt, das Hitler-Bild der Siegermächte nun auch in Deutschland populär zu machen. Die deutschen Meinungsmacher für dieses Hitler-Porträt zu gewinnen, war kein Problem. Die penetrante Führer-Verklärung der NS-Propaganda war den deutschen Medienschaffenden ebenso wie den Historikern der Nachkriegsjahre noch in lebhafter Erinnerung und die Erleichterung, sich nun endlich davon befreien zu können, war groß. Eifrig machte man sich daran, das glorreiche Führer-Porträt des NS-Staates zu zertrümmern. Alles, was auch nur im Entferntesten daran erinnerte, wurde mit beißendem Sarkasmus bedacht.

Während der ersten Jahrzehnte nach dem Ende des Krieges waren in Deutschland aber auch einige (sehr wenige) Stimmen zu vernehmen, die zwar nicht unbedingt alles gut fanden, was sie selbst während der Hitlerjahre erlebt hatten, die aber doch deutlich zum Ausdruck brachten, dass sie die »starke Hand« und andere angeblich positive Qualitäten Hitlers vermissten. Von der überwiegenden Mehrheit wurden die Äußerungen dieser »Ewiggestrigen« mit Verachtung gegeißelt, und bei der großen Mehrheit der Nachkriegs-Deutschen entstand das Gefühl, verbunden zu sein in der Ablehnung von Versionen der Hitler-Erzählung, die der allgemein verbreiteten Darstellung widersprachen. Berichte, die nicht zu diesem Hitler-Bild passten, wurden zu Lügenmärchen erklärt. Ob es sich dabei tatsächlich um solche handelte, wurde nicht näher untersucht. Darstellungen, die Hitler nicht als eine durch und durch negative Figur zeigten, provozierten sofort eine heftige allergische Reaktion. Jeder Versuch, das allgemein anerkannte Hitler-Bild korrigieren zu wollen, erregte Verdacht.

Die instinktive Abwehr, die allein schon die Erwähnung des Namens »Hitler« während der Jahrzehnte nach dem Krieg bei den meisten Deutschen reflexartig hervorrief, ist verständlich. Die Folgen seiner Herrschaft waren katastrophal, und niemand, der seine Sinne beieinander hatte, wollte in dem traumatisierten Land auch nur ein einziges gutes Haar an dem gescheiterten Führer entdecken. Wer sich während der Zeit des Hitlerregimes selbst mitschuldig gemacht hatte, der hatte ein zusätzliches Motiv, Hitler zu verteufeln. Indem das »Böse« an den Chef weitergereicht wurde, erklärte man sich selbst zum unschuldigen Opfer.

In der selektiven Betrachtung der Nachkriegsjahre wurde Hitler nicht dargestellt als ein vielschichtiges menschliches Wesen, mit unterschiedlichen und möglicherweise widersprüchlichen Charakterfacetten. Stattdessen wurde er als eine eindimensionale Scherenschnitt-Figur präsentiert. Dieses Bild bestand aus Inhalten, die in schlüssigen und kausal verknüpften Sequenzen wiedergegeben waren. Durch Anordnung, Hintanstellen, Weglassen oder Betonung gewisser Elemente war die Deutung in der Darstellung bereits enthalten. Erfundene atmosphärische Details rundeten das vermeintlich authentische Porträt ab. So wurde Hitlers Person in eine eindeutige Erzählform gepackt, die von der überwiegenden Mehrheit der Nachkriegs-Deutschen als allein legitim angesehen wurde.

Manche Historiker weigerten sich, Hitlers Namen auszuschreiben, und schrieben stattdessen über einen mit »H.« apostrophierten Politiker. Sprach man über Hitler, so nannte man ihn ein »Individuum«, eine »Figur«, eine »Unperson« oder ein »Monster«. Einen »Menschen« wagte man ihn nicht zu nennen. »Was soll er denn sonst gewesen sein?«, grollte der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki verärgert in einer Fernsehdebatte im Jahr 2004. »Soll man Hitler etwa als Elefant oder Kamel zeigen?« Als überlebender des Warschauer Ghettos durfte Reich-Ranicki es sich erlauben, diese deutsche Sprachregelung als das zu benennen, was sie war: grotesk. Geändert hat das nichts. Wer Hitler heute in der deutschen Öffentlichkeit einen Menschen nennt, der wird immer noch mit großem Misstrauen beäugt.

Im Lauf der Jahre verfestigte sich der gesellschaftliche Konsens. Die Stimmen der Ewiggestrigen waren immer seltener zu vernehmen und die Medien präsentierten das allgemein anerkannte Bild Hitlers in simpler Reinheit und mit großer Beharrlichkeit immer wieder aufs Neue. So war Hitler in den deutschen Medien zwar fortwährend präsent, aber ein besonderes Interesse erregte das nicht. Warum auch? Alle glaubten ja zu wissen, wer Hitler war, und teilten dieselbe Auffassung. Interessant wurde es nur, wenn einem Prominenten in der Öffentlichkeit ein Ausrutscher passierte und er etwas äußerte, was dem allgemein akzeptierten Bild nicht entsprach. In so einem Fall ließ die bissig-sarkastische Reaktion nicht auf sich warten. So kam es, dass Hitler aus dem gesellschaftlichen Diskurs verschwand. Zu dem historischen Hitler äußerte man sich in der Öffentlichkeit nur als ein in der Thematik geschulter Fachmann, ansonsten hielt man in Deutschland dazu besser den Mund.

Je seltener der historische Hitler zu einem Gegenstand öffentlicher Erörterung wurde, umso lauter war in den folgenden Jahren der Aufschrei, wenn sich eine Person des öffentlichen Lebens dann doch in einem unbesonnenen Moment mit einem Hitler-Kommentar verplapperte und in die Nesseln setzte. Bis heute ist die gesellschaftliche Ächtung in so einem Fall vorprogrammiert. Dem »Hitler-Apologeten« wird eine »gefährliche Störung der öffentlichen Debatte« vorgeworfen. Volkspädagogen äußern sich besorgt über den angeblichen »Beitrag zur Legendenbildung« und die Hohepriester der öffentlichen Meinung verdächtigen den ungeschickten Prominenten, ein »Rechtsaußen« zu sein, oder Schlimmeres. Wer dann nicht sofort zurückrudert, reumütig zu Kreuze kriecht und sich selbst der schlimmsten Untat bezichtigt, ist der Rache der Selbstgerechten schutzlos ausgeliefert. Und die ist ebenso gnadenlos wie unwiderruflich. Der »Revisionist« wird als inakzeptabel gebrandmarkt, er wird medial abgeschaltet und in der Öffentlichkeit hört man nie wieder etwas von ihm. Wer sein Geld vor einem solchen Sündenfall bei den großen deutschen Medien verdient hatte, der muss danach entweder ins Internet ausweichen oder sich ein neues Betätigungsfeld suchen. Über das Hitler-Narrativ ist so mit der Zeit ein gesellschaftlicher Konsens entstanden, der besagt, dass daran auf gar keinen Fall gerüttelt werden darf. Damit war »Hitler« zu einem Tabu geworden, mit allem, was dazugehört.

Die Sieger hatten also Hitlers »wirkliches« Bild vorgezeichnet, und die Verlierer waren nur allzu gerne bereit gewesen, dieses Bild nicht nur für historisch wahr zu erklären, sondern auch noch für unantastbar. Dem von den Deutschen im Dritten Reich als Genie gefeierten Führer wurde nun, ein paar Jahre später, von demselben Volk bescheinigt, ausschließlich negative Eigenschaften besessen zu haben. Hitlers historischer ›Negativruhm‹ steht in einem so gewaltigen Gegensatz zu dem Glorienschein, der ihn zu seinen Lebzeiten umgab, dass sich in der gesamten europäischen Geschichte weder im Mittelalter noch in der Neuzeit ein vergleichbarer Herrscher finden lässt. Verschiedene Autoren haben darauf hingewiesen, dass Hitler selbst hier, in seinem Scheitern, alles Vergleichbare in den Schatten stellt.

Im Deutschland des 21. Jahrhunderts bekämpfen nun nach den Söhnen und Enkeln die Urenkel das Ungeheuer, mit dem ihre Urgroßväter nicht fertiggeworden sind. Jedes Jahr erscheinen neue Sachbücher und TV-Dokumentationen, in denen zu spät geborene Widerstandskämpfer ihre Landsleute darüber aufklären, wer Hitler »wirklich« war: eine blasse Figur mit angedichtetem Charisma, ein untalentierter Schreiberling, ein ignoranter Kunstschwätzer, ein raffgieriger Steuervermeider, ein humorloser Kuchenverschlinger ohne soziale Kompetenz, ein beziehungsunfähiger Langschläfer ohne Privatleben, ein ungebildeter Windbeutel, ein sexuell Pervertierter, ein emotionsloser unfähiger Kunstmaler, ein politischer Opportunist, ein medikamentensüchtiger Hypochonder oder ein soldatischer Drückeberger – egal welcher Aspekt die Autoren beschäftigt: Hitler war nicht nur abgrundtief böse, er war außerdem auch noch eine vollkommene Niete. Sogar seinen Hund hatte er falsch erzogen.

Damit alle Deutschen in einer kollektiven Trance den Führer ihrer Vorfahren in der korrekten Weise wahrnehmen können, wird das Bild des abgrundtief bösen Versagers von Medienmissionaren als »historisch belegt« in die Welt posaunt. Dabei wird man das Gefühl nicht los, dass deren Selbstgerechtigkeit im umgekehrt proportionalen Verhältnis zu ihrer Sachkenntnis steht. Aber verhandelbar ist hier nichts. Hitlers Eigenschaften werden mit seinen Taten gleichgesetzt, und wer es wagt, etwas Positives an Hitlers Persönlichkeit zu entdecken, dem wird unterstellt, er billige dessen Verbrechen. Es ist tatsächlich so, wie es der Publizist Johannes Gross richtig beobachtet hat: »Je länger das Dritte Reich zurückliegt, umso mehr nimmt der Widerstand gegen Hitler und die Seinen zu.«

Und so wird das Bild vom Monster-Versager bis heute vom Exportweltmeister Deutschland in jede Ecke der Welt geliefert. Die beständige Wiederholung hat dazu geführt, dass man dieses Hitler-Bild überall auf der Welt mit der Realität verwechselt und gar nicht auf die Idee kommt, dessen Richtigkeit zu überprüfen – wer sollte schließlich besser über Hitler Bescheid wissen als die Deutschen?

Nun widerspricht es aber jeder Lebenserfahrung, dass es einen Menschen geben soll, der auf jedem Gebiet ausschließlich negative Eigenschaften besitzt. Wir alle wissen sehr wohl, dass auch die Bösen ihre guten Seiten haben. An diese ungemütliche, aber entscheidend wichtige Tatsache wird jeder Drehbuchautor während der ersten Etappen seiner Ausbildung erinnert. Wer einen fiktionalen Bösewicht erschaffen will, der muss diesem Charakter auch positive Facetten geben. Wenn diese fehlen, dann ist dem Publikum sehr schnell klar, dass es an der Nase herumgeführt wird und eine Figur für real halten soll, die es in der wirklichen Welt nicht gibt. »Der Pate«, Don Corleone, Chef aller Mafiosi, ist ein zig-facher Mörder. Er hat aber auch etwas Liebenswertes: Don Corleone ist ein Familienmensch, jemand, der bereit ist, alles für seine Familie zu tun. Hätte dem Paten diese positive Eigenschaft gefehlt und hätte ihn sein Autor, Mario Puzo, nur als einen durch und durch negativen Bösewicht gezeichnet, Don Corleone hätte es niemals dazu gebracht, eine der bekanntesten Figuren der Trivialliteratur und des Filmes zu werden. Während das Publikum in der Fiktion an einem eindimensionalen Bösewicht rasch das Interesse verliert, scheint das bei dem Hitlerporträt, das die Medien dem Publikum seit dem Ende des Krieges als real verkaufen, genau umgekehrt zu sein. Je länger sein Tod zurückliegt, umso mehr hat Hitler weltweit an Faszination gewonnen. Ob das vielleicht damit zu tun hat, dass das Publikum spürt, dass ihm etwas vorenthalten bleibt?

Vor dem Hintergrund der monströsen Taten, für die Hitler in letzter Instanz die Verantwortung trägt, ist der Wunsch, ihn ausschließlich negativ darzustellen, nur allzu verständlich. Zu einem Erkenntnisgewinn trägt das allerdings nicht bei. Und eine »Legendenbildung« konnte es nicht verhindern. Im Gegenteil: Mehr denn je ist Hitler heute zu einer Legende geworden, verkörpert er doch das »absolut Böse« ebenso wie das »Unbegreifliche«. Damit ersetzt Hitler den Teufel früherer Epochen und hat so weltweit eine Art pseudoreligiöse Bedeutung erlangt. Dass die Verkünder dieser wenig intelligenten Teufels-Darstellung den Hitler-Mythos erneut erschaffen, haben sie nicht erkannt. Der Mythos des »absolut Bösen« besitzt eine Faszination, die längst zu einem politischen Bumerang geworden ist. Zwar wird diese Faszination in Deutschland nur von einer verschwindend kleinen extrem rechten Szene geteilt, aber weitaus größere konservativ-national gesinnte Kreise verbindet das dumpfe Gefühl, bei der Berichterstattung zum Thema ›Hitler‹ von medialen Volkserziehern belogen zu werden. Dass die hieraus resultierende Wut gefährliche Dimensionen annehmen kann, scheinen die Verantwortlichen nicht zu erkennen. Und so hat die sicherlich oft naive, gut gemeinte Bemühung, beim Thema ›Hitler‹ nur ja nichts falsch zu machen, dazu geführt, genau den »Ungeist« überhaupt erst entstehen zu lassen, den man eigentlich hatte abwehren wollen.

Ein Tabu lässt keine Diskussion zu und die Debatte, die eigentlich erfunden wurde, um alle klüger zu machen, findet nicht statt. Das Schweigen lädt aber automatisch das mit Macht auf, worüber nicht gesprochen werden darf. Daher ist das Hitler-Bild in Deutschland mit den Jahren nicht etwa langsam verblasst, wie es eigentlich zu erwarten wäre, sondern es hat im Gegenteil eine immer mächtigere Wirkkraft entfaltet. Seine Lebensenergie erhält die mächtige Monster-Ikone dadurch, dass kaum ein Tag vergeht, an dem ihr Name nicht von irgendeinem Politiker oder Medienschaffenden beschworen wird. Während man sich zu dem historischen Hitler als Laie in der Öffentlichkeit besser nicht äußert, ist sein Name dennoch in aller Munde. Vertreter der verschiedenen politischen Lager versuchen damit zu punkten, dass sie ihren Widersachern vorwerfen, Hitler-Methoden anzuwenden, Hitler-Aussprüche getan zu haben, Hitlers Ziele verwirklichen zu wollen oder überhaupt wie Hitler zu sein. Die Vergangenheit wird zur Gegenwart erklärt, und auf diese Weise findet Hitler seinen Weg in den politischen Diskurs der Cyber-Communities. Im Schattenreich der sozialen Netzwerke wird das Monster aufgebläht durch die Irrtümer und die Unwissenheit, die Leichtgläubigkeit, den Zynismus, die Intoleranz, die Rachegelüste und die Selbstgerechtigkeit der dort herumgeisternden User. Analog zu den Politikern werfen diese in hasserfüllten Kommentaren und Blogs einander dann ebenfalls vor, Hitlerbärte zu tragen. Adolf Hitler ist dadurch höchst aktuell und modern geblieben und beherrscht und durchdringt viele politische Debatten im Deutschland des 21. Jahrhunderts. In der Vorstellungswelt der politikinteressierten Deutschen sind Hitlers Person, und alles was sich damit verbindet, heute zwar auf andere Weise, aber erneut mit einer ähnlich allumfassenden Präsenz vertreten wie der Politiker Hitler, der deren Großväter und Urgroßväter beherrscht hatte.

Auf Ausländer wirkt die deutsche Hitler-Besessenheit reichlich unverständlich und grotesk. Aber so absurd dieses Phänomen von außen betrachtet auch erscheint – das politische Klima in Deutschland wird von gegenseitigen Hitler-Anklagen zunehmend vergiftet. In gewissen psychisch gestörten Menschen erzeugt diese gesellschaftliche Störung eine Resonanz, die sie veranlasst, im Namen Hitlers und seiner Ideen mörderische Taten zu begehen. Die darauffolgende kollektive Angstreaktion und die Rachegefühle blähen das Monster weiter auf und vergrößern seine Macht. Das wiederum hat zur Folge, dass Hitler in der politischen Diskussion noch gnadenloser eingesetzt wird und dort eine noch verheerendere Wirkung entfaltet.

Wer vor diesem Hintergrund als Laie den Versuch unternimmt, das historische Hitler-Bild kritisch zu hinterfragen, der setzt sich dem Vorwurf aus, unverantwortlich und gewissenlos zu handeln. Dabei kann in einer derartigen Situation nur eine einzige Medizin wirksam helfen: rücksichtslose Aufklärung und, wenn nötig, die Schlachtung heiliger Kühe. In der akademischen Forschung genießt das Schlachten heiliger Kühe allerdings kein hohes Ansehen. Im Gegenteil. Will man als Historiker seinen Ruf nicht gefährden, wird man heiligen Kühen Respekt zollen und es nicht wagen sie anzutasten. Ein Außenseiter, der nicht im Elfenbeinturm der Geschichtswissenschaften gefangen ist, tut sich hier wesentlich leichter.

Hitler ist ein Mensch, der bereits vor langer Zeit aufgehört hat zu leben. Und er ist eine Gestalt der Geschichte, nicht der Gegenwart. Diese beiden Wahrheiten sind ebenso simpel wie unbestreitbar. Dennoch haben sie viele Feinde, denn auf der heißen Luft, die das aufgeblähte Monster verströmt, lassen sich alle Arten von politischen Süppchen kochen. Wird dem aufgeblasenen Monster eine Injektion heilender Vernunft verpasst, indem man den historischen Hitler mit der gebotenen Objektivität untersucht, entweicht die giftige Luft. Ist die erst einmal raus, taugt Hitler nicht mehr als Schreckensgespenst, das auch heute noch in der Lage ist, Angst und Terror zu verbreiten. Die aufgewühlte Kollektivpsyche kann zur Besinnung kommen und erkennen, dass das 21. Jahrhundert kein geeigneter Zeitpunkt ist, um in der Vergangenheit zu leben. Tun wir also das Notwendige: Befreien wir uns von Vorstellungen, die der Prüfung durch den gesunden Menschenverstand nicht standhalten. Ordnen wir die Forschungsergebnisse der Geschichtswissenschaft in einer Weise, die der Vernunft Rechnung trägt. Eine vorurteilsfreie Herangehensweise ist hierbei die zwingend notwendige Voraussetzung.

Unterzieht man die allgemein verbreitete Hitler-Erzählung einer Analyse, wird rasch klar, dass durch beständige Wiederholung ein Narrativ entstanden ist, das eine Diskussion ausschließt, weil es auf »Fakten« beruht. Belegen lassen sich diese »Fakten« mit den negativen Darstellungen von Hitlers Person in der bereits erwähnten umfangreichen Selbstrechtfertigungsliteratur, die nach dem Zweiten Weltkrieg entstand. Hier wollten Menschen, die Hitler persönlich gut oder sehr gut gekannt hatten, demonstrieren, dass sie gelernt hatten, ihn nach dem Ende des Krieges anders, nämlich negativ, zu beurteilen, und haben ein entsprechendes Bild von ihm gezeichnet. Andere Kronzeugen haben ein Eingeständnis eigener Schuld vermieden, indem sie Hitler als einen übermächtigen Bösewicht porträtiert haben, dem sie selbst hilflos ausgeliefert gewesen waren. Dass Historiker nur allzu gerne bereit waren, diese negativen Darstellungen Hitlers ungeprüft zu übernehmen, hat seinen Grund in einer »Wissenschaft«, die den Gegenstand ihrer Untersuchung bereits be-urteilt, das heißt: ver-urteilt hatte, bevor sie mit dessen Untersuchung begann. Die allermeisten Historiker der vergangenen Jahrzehnte, insbesondere diejenigen mit deutschem Reisepass, waren nicht in der Lage, das, was sie selbst politisch und menschlich für richtig bzw. falsch hielten, von dem zu trennen, was sie als Wissenschaftler zu untersuchen hatten. Und so fühlten sie sich gezwungen, ihre Abscheu zu zeigen, indem sie Hitler in beinahe jedem Satz ihrer Abhandlungen verteufelten und denunzierten. Auf einer derartigen Grundlage kann wissenschaftliches Erkennen und damit letztendlich ein »Begreifen« aber niemals gelingen. Denn: Vor-urteile trüben den Blick und stehen der Erkenntnis im Weg. Nicht umsonst ist Objektivität in der Wissenschaft oberstes Gebot. Objektivität heißt aber eben genau das: den Forschungsgegenstand ohne Vor-urteil zu betrachten.

Für die Geschichtsschreibung gilt derselbe Grundsatz, der auch für die Gerichtsbarkeit gilt, und der lautet: »audiatur et altera pars«. Der Richter muss alle Seiten anhören. Nicht nur der Staatsanwalt darf zu Wort kommen, auch der Verteidiger muss gehört werden. Genauso muss der Historiker alles verfügbare Quellenmaterial prüfen, egal von welcher Seite es kommt. Die Arbeit des um Aufrichtigkeit bemühten Geschichtsforschers besteht darin herauszufiltern, welchen Quellen er Glaubwürdigkeit zubilligt und welchen nicht. Das entscheidet darüber, welche Berichte oder welche Kombination davon schwerpunktmäßig zitiert werden, um zu einer Darstellung zu gelangen, die den tatsächlichen Gegebenheiten am ehesten entspricht. Dabei spielt der zentrale Grundsatz der Aufklärung eine wichtige Rolle, der besagt, dass man den Mut haben muss, sich des eigenen Verstandes zu bedienen. Denkschablonen sind hier wenig hilfreich. Wer seine Forschung mit der Prämisse beginnt, dass nur diejenigen Zeitzeugen, die Hitler negativ eingeschätzt haben, die Wahrheit sagen, während alle anderen lügen, der diskreditiert sein Forschungsergebnis durch Voreingenommenheit. Historiker, die ihre Arbeit auf der Grundlage einer vorgefassten Meinung beginnen und Darstellungen ignorieren, die nicht dazu passen, bilden nur einen Teil der Wirklichkeit ab. So entsteht ein tendenziöses Geschichtsbild und schlimmstenfalls eine Geschichtsfälschung.

Da ist es hilfreich, dass sich in jüngerer Zeit in der historischen Forschung eine Wende abzeichnet. Neuere akademische Untersuchungen besinnen sich, nicht zuletzt auch in Deutschland, immer häufiger auf das, was bei Arbeiten mit wissenschaftlichem Anspruch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Zunehmend fühlt man sich dem Gebot der wissenschaftlichen Objektivität verpflichtet, und die Einäugigkeit der Vergangenheit weicht einer präziseren Wahrnehmung. Der Sprung aus dem Elfenbeinturm der Geschichtswissenschaften in die Dokumentationen des Fernsehens ist diesem Wandel bislang allerdings kaum gelungen, und so ist das monolithische Monster in der kollektiven Wahrnehmung unverändert lebendig. Auch viele Forscher können sich in ihren wissenschaftlichen Arbeiten negative Kommentare zur Person Hitlers immer noch nicht vollkommen verkneifen, seien diese nun explizit ausgesprochen oder implizit vorausgesetzt. Abwertende Urteile, Denunziationen, Verteufelungen und die damit einhergehende Trübung des Blicks finden sich in der akademischen Literatur aber immer seltener. Und so beginnt heute eine neue Generation von deutschen Historikern, Adolf Hitler mit einem schärferen Blick zu erforschen, als das in der Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg jemals der Fall war. Viele von ihnen sind in diesem Buch mehrfach zitiert, und die Liste derer, die dazuzählen, ist zu lang um sie an dieser Stelle alle namentlich aufführen zu können.

Dass immer mehr Akademiker in der Lage sind, die Scheuklappen der Vergangenheit abzulegen, hat dazu geführt, dass der Wissenschaft in letzter Zeit in verschiedener Hinsicht ein tieferes Verstehen der Person Hitlers gelungen ist. Wissenschaftliche Entwicklung vollzieht sich aber immer auf den Grundlagen der Erkenntnisse der Vergangenheit. Und herausfinden lässt sich nur das, was die Suchlogik zulässt. Daher prägen die tendenziösen und falschen Darstellungen der Vergangenheit die Ergebnisse der historischen Forschung trotz allem bis in die heutige Zeit.