Meine Eltern


Als Autor dieses Buches möchte ich meinen Lesern nicht vorenthalten, was mich persönlich mit Hitler und der Nazizeit verbindet. Ich bin sieben Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges geboren, und die Verbindung zum letzten deutschen Reichskanzler bestand für mich, bevor ich mit meiner Hitler-Recherche begann, aus den Geschichten, die in Sachbüchern, Zeitungen, Zeitschriften und im Fernsehen über Hitler verbreitet werden. Wie im Kapitel Hintergrund bereits erwähnt, werden »Hitler-Geschichten« seit Jahrzehnten von den deutschen Medien in einem derartigen Ausmaß breitgetreten, dass jedes Interesse daran früher oder später erstirbt. Bei vielen Deutschen, mit denen ich persönlich bekannt bin, ist der Sättigungsgrad an Hitler-Geschichten schon lange überschritten. Sobald in einer Überschrift oder einer Programmankündigung das Wort »Hitler« auftaucht, blättern sie automatisch weiter oder schalten auf einen anderen Kanal. Mir selbst ging es genauso. Erst nachdem ich begonnen hatte, wegen Hitler zu recherchieren, habe ich dann doch hin und wieder »Hitler-Geschichten« der deutschen Medien konsumiert. Das Ganze war aber nur eine Pflichtübung und mein Interesse war äußerst begrenzt. Vollkommen anders war das mit Erzählungen meiner Eltern über die Nazizeit. Diese Geschichten haben mich immer sehr interessiert, allerdings kam das Gespräch in unserer Familie nur selten auf dieses Thema. Verständlicherweise, denn das alles lag ja lange zurück, und wenn man sich schon an Vergangenes erinnerte, dann lieber an Angenehmes. Als ich aber mit meinen Recherchen zu Hitler begann, habe ich das Thema häufiger bewusst angesprochen und habe, sowohl von meiner Mutter als auch von meinem Vater, viele interessante Details dazu erfahren.

Während der »besonderen Zeit« der Hitler-Jahre lebten sowohl mein Vater als auch meine Mutter nicht irgendwo auf dem Land oder in einer Kleinstadt, weit entfernt von den Geschehnissen. Nein, meine beiden Eltern lebten in der Hauptstadt des Reiches, in Berlin, also mitten im Zentrum. Meine Mutter ist 1923 geboren, mein Vater war sechs Jahre älter. Im April 1939, an Hitlers 50. Geburtstag, war mein Vater 22 Jahre alt. Er hatte damals gerade seinen Arbeitsdienst abgeleistet und war zum Wehrdienst eingezogen worden. 40.000 Soldaten sind anlässlich von Hitlers Geburtstag an dessen Ehrentribüne vorbeimarschiert. Mein Vater war einer von ihnen. Als ein paar Monate später mit dem Einmarsch deutscher Truppen in Polen der Zweite Weltkrieg begann, gehörte die Einheit meines Vaters zu den ersten Verbänden, die die polnische Grenze überquerten. Er war genau im richtigen Alter, um vom Polenfeldzug an Hitlers gesamten Krieg mitzumachen. Außer in Polen war mein Vater in der Ukraine, in Russland, in Italien und in Frankreich eingesetzt.

Militärischen Ehrgeiz hat er nicht entwickelt. An Orden und Medaillen hat mein Vater nur ein Verwundetenabzeichen aus dem Krieg mitgebracht. Das hatte er für diejenige Verwundung erhalten, die ihn davor bewahrt hatte, in Stalingrad eingesetzt zu werden. Seine Verletzung war vergleichsweise leicht gewesen: Ein Granatsplitter hatte seine Schulter gestreift. In einem Feldlazarett in Russland war er zusammen mit anderen Verwundeten von einem Arzt begutachtet worden, der die Soldaten in zwei Gruppen einteilte. Wer als »tauglich« eingestuft wurde, kam nach Stalingrad, war man »untauglich«, wurde man in die Heimat geflogen. Mein Vater gehörte zu den »Tauglichen«. Als ein Offizier verkündete, dass die Untauglichen zum Flugplatz gebracht werden sollten, gelang es meinem Vater, sich unter diesen Haufen zu mischen. Vor dem Besteigen des Flugzeugs überprüfte der Offizier noch einmal die Papiere der Soldaten. Als er erkannte, dass mein Vater nicht für den Heimat-Transport vorgesehen war, stutzte er. Mein Vater hat mir erzählt, dass sein Herz in diesem Moment aufgehört habe zu schlagen. Aber dann sagte der Offizier nur: »Grüß mir die Heimat«, und winkte meinen Vater weiter.

Aufgrund seiner Ausbildung hätte meinem Vater die Offizierslaufbahn offen gestanden. Doch die Privilegien eines Offizierslebens haben ihn nicht gelockt. Sein ganzes Leben lang ist er im tiefsten Grunde seines Herzens ein radikaler Anti-Militarist gewesen, und so ist er während der gesamten Kriegszeit Gefreiter geblieben. Alles, was mit Militär zu tun hatte, war meinem Vater verhasst. Als Kind habe ich erlebt, dass er für alles, was ihn auch nur im Entferntesten an Soldatentum erinnerte, nichts als Verachtung übrighatte. Camping war für ihn eine »Einsatzübung«. Sport nannte er »Wehrertüchtigung«, und längere Spaziergänge waren für ihn »Fußmärsche«. Einzelheiten vom Krieg hat er mir jahrzehntelang nicht erzählt. Das hat sich erst geändert, als er sich bereits in einem vorgerückten Alter befand und in mehreren TV-Dokumentationen als Zeitzeuge zu seinen Erfahrungen als Soldat im Zweiten Weltkrieg befragt wurde. Erst in diesen Dokumentationen hörte ich meinen Vater von seinen Kriegserlebnissen berichten. Erst jetzt erfuhr ich, wie er der Hölle von Stalingrad entgangen war und dass er einer derjenigen Soldaten gewesen ist, die ich in den Fernsehberichten über Hitlers 50. Geburtstag beim Vorbeimarsch an dessen Tribüne bereits unzählige Male im Fernsehen gesehen hatte. Auch die dramatischen Einzelheiten seiner Desertation während der letzten Kriegstage in Frankreich erfuhr ich erst jetzt.

Die Geschichte meiner Mutter im Zusammenhang mit dem Nazi-Regime ist anders verlaufen als die meines Vaters. Das lag natürlich vor allem daran, dass sie als Frau keinen Kriegsdienst zu leisten hatte. Aber auch der Altersunterschied spielte eine entscheidende Rolle. Als Hitler 1933 an die Macht kam, wurde meine Mutter zehn Jahre alt. Mein Vater war sechzehn, und als er das Gymnasium verließ, war Hitler gerade einmal zwei Jahre lang an der Macht. So effektiv die Nationalsozialisten auch waren im Umkrempeln des Erziehungssystems, die zwei Jahre Gymnasium während der allerersten Hitlerzeit haben es nicht vermocht, meinen Vater ideologisch auf Hitler und seinen Staat einzuschwören. Das war bei meiner Mutter anders. In dem von den Nazis rasch reformierten Bildungssystem wurde meine Mutter mithilfe von linientreuen Lehrern und Lehrbüchern, die »arische« Werte priesen, zu einer »rassebewussten Volksgenossin« erzogen. Da sie als Jugendliche natürlich keine Vergleichsmöglichkeiten hatte, nahm sie an, dass die nationalsozialistische Weltanschauung die einzig mögliche und richtige war. Selbstverständlich glaubte sie damals, dass die Deutschen ein »Volk ohne Raum« seien und dass Juden, Zigeuner und Slawen eine Gefahr für den deutschen Volkskörper darstellten. Das hatte sie schließlich in der Schule gelernt.

Dass Sport und Körperübungen in der nationalsozialistischen Erziehung eine besonders wichtige Stellung einnahmen, kam meiner sportbegeisterten Mutter sehr entgegen. Auch die Lagerfeuer, das gemeinsame Singen und die Wanderungen in der Natur, die sie als Mitglied des BDM (Bund deutscher Mädchen) unternahm, waren nach ihrem Geschmack. Gut möglich, dass aus meiner Mutter tatsächlich eine überzeugte rassebewusste Volksgenossin geworden wäre, hätte »dieser Hitler« nicht den Krieg verloren. Das hat ihm meine Mutter niemals verziehen. Denn der verlorene Krieg war schuld daran, dass sie ihren Traum aufgeben musste, Ärztin zu werden. In den letzten Kriegsmonaten war meine Mutter als Flakhelferin eingesetzt gewesen und hatte ihr Medizinstudium abbrechen müssen. Als der Krieg vorbei war, hatte ihre vormals sehr wohlhabende Familie ihren gesamten Besitz verloren und meine Mutter musste »bei null« anfangen. Den Luxus eines Studiums konnte sie sich nicht mehr erlauben. Schwer getroffen hat meine Mutter als junges Mädchen vor allem auch der frühe Tod ihres Lieblingsbruders. Bei einem weihnachtlichen Fronturlaub sah sie ihn zum letzten Mal. Am Ende des Urlaubs hatte sie ihn zum Bahnhof gebracht, wo ein Zug voller Soldaten wartete. Ihr Bruder hatte sich schon von ihr verabschiedet, da drehte er sich noch einmal zu meiner Mutter um und sagte: »Wir sehen uns nicht wieder«. Dann stieg er in den Zug, fuhr an die Front und in seinen Tod. Dass sie ihren über alles geliebten Bruder auf diese grausame Weise verlieren musste, hat meine Mutter noch Jahrzehnte später beschäftigt. »Die jungen Männer,« hat sie gesagt, »die zu Millionen in Zügen und Lastwagen von diesem Verbrecher (Hitler) an die Front gekarrt wurden, nur um dort jämmerlich zugrunde zu gehen – sind die nicht genauso Opfer dieses Mörderregimes gewesen wie die Menschen, die in den Lagern gestorben sind?« Diese Frage hat sie sich selbst und mir oft gestellt.

Das Soldatenleben meines Vaters war in regelmäßigen Abständen unterbrochen von Studienaufenthalten in Berlin. Dort studierte er Journalismus, das Fach, das der Hohepriester der Propaganda, Joseph Goebbels, als das bedeutsamste aller Studienfächer gepriesen hatte. Angehende Journalisten hatten das Privileg, den Kriegsdienst zeitweilig an den Nagel hängen zu dürfen, um zu studieren und erste journalistische Arbeiten zu verfassen. Einige Zeitungsartikel meines Vaters sind aus dieser Zeit noch erhalten. Sie wurden zunächst in einer großen Berliner Tageszeitung veröffentlicht und erschienen dann, aufgrund der Gleichschaltung der Medien, überall in ganz Deutschland. Bei den Artikeln meines Vaters handelt es sich vor allem um Filmkritiken, die damals »Filmbetrachtungen« hießen, denn »kritisieren« war als angeblich typisch jüdische Eigenart unerwünscht. Mein Vater war kein unpolitischer Mensch, Politik hat ihn sein Leben lang interessiert. Wer aber während der NS-Zeit als politischer Journalist arbeiten wollte, der bewegte sich als kritischer Geist in einem Minenfeld von Verdächtigungen und Beschuldigungen. Die Unfreiheit, die damals in den deutschen Redaktionsstuben herrschte, hat meinen Vater veranlasst, beim Feuilleton unterzukommen. Der Druck von oben war hier deutlich geringer. Zu spüren war er dennoch. In einer Ansprache vor den Intendanten der deutschen Rundfunkanstalten hatte Goebbels die Parole ausgegeben, dass die politische Propaganda alles, bis ins Kreuzworträtsel hinein, zu durchdringen habe.

Ob mein Vater damals Hitlers Politik, insbesondere seine aggressive Außenpolitik, abgelehnt hat, das konnte ich nie so richtig aus ihm herausbekommen. Einen großen inneren Widerstand hat diese Politik bei ihm aber wohl nicht ausgelöst, sonst hätte er sich sicherlich daran erinnert. Mein Vater war auch nicht in erster Linie aus politischen Gründen ein Feind der Hitler-Diktatur. Verhasst war ihm vor allem das kulturelle Beiwerk. Die Aufmärsche, die gemeinsamen Chöre, das Fahnenschwenken – für all das konnte sich mein individualistischer Vater nicht begeistern. Als Kind habe ich es oft erlebt, dass er nicht den Mund aufbekam, wenn in der Kirche oder bei anderen Gelegenheiten ein gemeinsames Lied angestimmt wurde. Es erinnere ihn einfach zu sehr an die Nazizeit, hat er mir damals anvertraut. Dass einem der Staat verschreiben konnte, welche Musik man zu hören hat, war für meinen Vater unerträglich. Er war ein begeisterter Anhänger des Swing und ein talentierter Stepptänzer, alles Dinge, die von den Nazis als »artfremde Kulturschande« verurteilt und schließlich als »wehrkraftzersetzend« verboten wurden. Der Swing vermittelte eine unmittelbare Lebensfreude und ein Gefühl des beschwingten »American Way of Life« und entsprach damit der lebensbejahenden Grundhaltung meines Vaters sehr viel mehr als der Einheitsdrill und die Marschmusik der Hitlerzeit. Es war auch nicht die politische Propaganda der Engländer, die meinen Vater veranlasst hat, während des Krieges heimlich englische »Feindsender« zu empfangen. Alles, was er wollte, war, »seine« Musik zu hören, auch wenn er damit Gefängnis und Schlimmeres riskierte.

Seinen Unmut über die herrschenden Zustände hat mein Vater dann auf seine Art geäußert. Er wurde Mitglied einer Kabaretttruppe, die an der Front für die Unterhaltung der Kameraden sorgte. Mit ihren politischen Witzen, sagte er mir, seien sie immer bis an die Grenzen dessen gegangen, wovon sie annahmen, dass dies vom Regime gerade noch geduldet sei. Als daraufhin »von oben« keine Reaktion kam, hätten sie die selbst gesetzten Grenzen immer weiter ausgedehnt. Aber so weit sie auch gingen mit ihrer Kritik an den herrschenden Zuständen, niemals hatten mein Vater oder die anderen Mitglieder seiner Kabaretttruppe deswegen unter disziplinarischen Konsequenzen oder anderen Nachteilen zu leiden. Auch noch lange nach Ende des Krieges hat sich mein Vater darüber gewundert, welche erstaunlichen Freiheiten seine Kameraden und er sich auf der Bühne der Diktatur gegenüber hatten herausnehmen können. Offenbar, so hat mein Vater vermutet, waren die zuständigen Nazis klug genug gewesen, um zu erkennen, dass der Druck einer Diktatur ein Ventil braucht und dass man gut daran tut, wenn man den Menschen das Lachen nicht auch noch verbietet.1
1. Dass die Erfahrungen meines Vaters keinen Einzelfall darstellen, belegen die Untersuchungen von M. Wöhlert, die in dem Buch Der politische Witz in der NS-Zeit (1997) zusammengefasst sind. Im Vorwort heißt es: »(…) dass die Führung des NS-Staates die Witze (…) in erstaunlich hohem Maße tolerierte.« Die Toleranz hatte freilich auch ihre Grenzen, was dann sogar den vom Regime propagierten Tierschutz aushebeln konnte. In einem Rundschreiben der Ministerialabteilung IA (Polizei) des Hessischen Staatsministeriums vom 23.7.1934 heißt es: »Es wird uns berichtet, dass von fahrenden Schaustellern dressierte Affen darauf abgerichtet sind, nach Beendigung der Schaustellung auf einen entsprechenden Befehl den deutschen Gruß nachzuahmen. Derartige Vorführungen sind geeignet den deutschen Gruß verächtlich zu machen und damit in der Öffentlichkeit Anstoß zu erregen. Wir beauftragen Sie deshalb, in Zukunft auf Jahrmärkten und bei sonstigen Gelegenheiten die fahrenden Schausteller eingehend in dieser Richtung unauffällig zu kontrollieren und bei festgestellten Verstößen die Abschlachtung der betreffenden Tiere zu veranlassen.« Zit. in: H. J. und G. Wohlfromm, »Und morgen gibt es Hitlerwetter«, Köln 2017, S. 28

Als Redner hat mein Vater Hitler niemals erlebt, weder als Journalist noch als Teilnehmer an einer Großkundgebung, was in Berlin leicht möglich gewesen wäre. Natürlich habe ich das bedauert, denn die Einschätzung von Hitlers Auftritt durch meinen Vater hätte mich sehr interessiert. Aber sich freiwillig einzureihen in die begeisterten Massen, das entsprach einfach nicht seinem Naturell. Der einzige führende Nazi, dem mein Vater persönlich begegnet ist, war sein oberster Boss, der Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda: Joseph Goebbels. Anlässlich einer Filmpremiere durfte mein Vater als blutjunger Journalist dem Minister sogar die Hand schütteln. Dass mein Vater kein Parteimitglied war, ist niemandem aufgefallen. Im Grunde war das nicht möglich, denn die Freiheit, ohne Parteimitgliedschaft Journalist sein zu können, wurde nur einigen wenigen renommierten und altgedienten Medienleuten zugestanden. Für einen jungen, angehenden Journalisten wie meinen Vater war die Mitgliedschaft in der Partei die Grundvoraussetzung dafür, dass er seinen Beruf ausüben konnte. War man nicht in der Partei, dann war man in derselben Position wie Juden und Regimegegner, denen die Mitgliedschaft verwehrt war. Meinem Vater war die Mitgliedschaft aber nicht verwehrt worden. Er hatte es nur unterlassen, sie zu beantragen. Irgendwie sei es ihm gelungen, durch das feinmaschige Netz des NS-Überwachungsstaates zu rutschen, hat mir mein Vater später erzählt. Und ganz sicher wäre er brav in die Partei eingetreten, wenn er ansonsten das Recht verloren hätte, seiner Arbeit nachgehen zu können. Als Widerstandskämpfer hat sich mein Vater nie verstanden. Er war auch nicht in erster Linie aus politischen Gründen der NSDAP ferngeblieben, sondern deshalb, weil es ihm als Individualist grundsätzlich widerstrebte, Mitglied irgendeiner Partei zu sein. Seine Ehrlichkeit in diesem Punkt habe ich meinem Vater immer hoch angerechnet, war es doch im Deutschland der Nachkriegszeit allgemein üblich, dass sogar ehemals führende Nazis behaupteten, dass sie während der NS-Zeit heimliche politische Gegner gewesen seien. Angeblich waren diese Leute in die »innere Emigration« gegangen und hatten »geistigen Widerstand« geleistet. Die allgemeine Verlogenheit und Scheinheiligkeit, die im Deutschland der Nachkriegszeit in dieser Hinsicht an der Tagesordnung war, machte mein Vater nicht mit. Dass er kein Parteimitglied war, hatte er, wie er sagte, nur seinem »Glück« zu verdanken. Dieses Glück verhalf ihm nach dem Krieg, als die Amerikaner händeringend nach Journalisten suchten, die sich nicht vom Regime hatten vereinnahmen lassen, zu leitenden Positionen in dem damals im Aufbau befindlichen Bayerischen Rundfunk. Als Chef der Nachrichtenabteilung bekleidete er einen der wichtigsten Posten in einem Land, das nach Hitler-Wahn und Kriegs-Katastrophe langsam wieder zur Besinnung kommen musste.

Sowohl mein Vater als auch meine Mutter haben mir von vielen interessanten Beobachtungen, Begebenheiten und Erlebnissen aus der Zeit der Hitlerherrschaft erzählt. An dieser Stelle möchte ich mich auf ein einziges Thema beschränken: auf die Verfolgung der Juden, Sinti, Roma und Slawen. Unter Holocaust wird heute meistens ausschließlich die Vernichtung der Juden verstanden. Die Vernichtung der Sinti, Roma und Slawen war aber nicht weniger grausam und wurde mit denselben rassistischen Motiven begründet. Von daher sehe ich keinen Grund dafür, warum die Vernichtung dieser Völker nicht auch von dem Begriff Holocaust umfasst sein sollte. Auch die Euthanasie, die planmäßige Ermordung von Behinderten, ist für mich in dem Begriff Holocaust enthalten. Auch hier schuf die rassistische Philosophie der Eugenik die geistigen Grundlagen für grausame Verbrechen.

Ich bin sicher, dass alle Angehörigen meiner Generation ihre Eltern irgendwann einmal gefragt haben: »Habt ihr davon gewusst?« Auch ich habe natürlich meinen Eltern diese Frage gestellt. Meine Mutter wusste darauf nur wenig zu sagen. »Das ist doch erst passiert, als sowieso schon alles zu spät war«, war ihre Antwort. »In Berlin haben die Häuser gebrannt, kleine Kinder sind auf der Straße verendet wie Tiere – und Ärzte gab es keine.« »Und die Deportationen?« habe ich gefragt. »Wir hatten damals weiß Gott andere Sorgen. Und von irgendwelchen Transporten habe ich nie etwas mitbekommen.« »Bist du sicher?« »Natürlich. Ich weiß nicht, wie viele Zigeuner es in Berlin gab. Viele bestimmt nicht. Und die Juden, von denen waren die meisten doch schon lange vorher emigriert. Wie viele Deportationen kann es da noch gegeben haben?« Das Thema habe ich im Lauf der Jahre immer wieder einmal angesprochen. Die Antwort meiner Mutter war immer dieselbe. Heute kann man sich mit ein paar Klicks darüber informieren, dass Berlin während des Krieges etwa 4,4 Millionen Einwohner hatte. Rund 50.000 Berliner Juden sind zwischen 1941 und 1945 in die Lager transportiert worden, heißt es auf einer Webseite des Berliner Bezirksamtes. Etwa ein Prozent der Berliner Bevölkerung wurde also, aufgeteilt in Dutzende von Transporten, über vier Jahre hinweg deportiert, wobei die ausführenden Behörden darauf bedacht waren, kein Aufsehen zu erregen. Dass die Bombenangriffe, die während dieser Zeit immer gnadenloser wurden, mit dazu beitrugen, die Aufmerksamkeit der Berliner in eine andere Richtung zu lenken, kann man sich leicht vorstellen. Unter Berücksichtigung dieser Umstände kann man wohl davon ausgehen, dass die meisten Berliner, die zwischen 1941 und 1945 in der Stadt lebten, von den Deportationen tatsächlich nichts mitbekommen haben und dass die Spielfilme, die man zu diesem Thema gesehen hat, hier oft einen Eindruck vermitteln, welcher der Realität so nicht entspricht.

Mein Vater erzählte, dass er während seiner Schulzeit, also in der Zeit von 1923 bis 1935, eine Diskriminierung jüdischer Mitschüler nicht erlebt habe. Er konnte nicht einmal sagen, ob es unter seinen Klassenkameraden überhaupt Juden gegeben hatte. Juden seien einfach kein Thema gewesen, sagte er. Was während seiner Schulzeit aber sehr wohl ein Thema gewesen sei, das waren die Katholiken. Die wenigen Katholiken seien von der protestantischen Mehrheit der Schüler ausgegrenzt und gehänselt worden. Und auch manche Lehrer hätten die Katholiken verspottet. Nachdem Hitler die Macht übernommen hatte, sei von offizieller Seite zwar gegen Juden gehetzt worden, aber dadurch habe sich während seiner letzten zwei Jahre im Gymnasium nichts geändert. Während der ersten Hitlerjahre habe man selbstverständlich gewusst, dass der Staat versuchte, die Juden zur Ausreise zu zwingen, indem er sie diskriminierte und schikanierte. Bekannt war aber auch, dass Rassendiskriminierung in den USA zu dieser Zeit ebenfalls Triumphe feierte. In der Presse sei häufig über die »rassebewussten« und daher »fortschrittlichen« USA berichtet worden. Als vorbildlich wurde bezeichnet, dass die Schwarzen dort von der Geburt bis zum Tod wie Aussätzige behandelt wurden, denen in Bussen, Bahnen und Restaurants extra Abteile zugewiesen waren und die weder ein Wahlrecht noch Bildungsmöglichkeiten besaßen. Berichtet wurde auch, dass Tausende von Schwarzen in den USA zu Opfern von Lynchmorden wurden und dass die Schwarzen dort, genauso wie die Chinesen, in Gettos zusammengepfercht waren, während man die Indianer in Reservate sperrte.

Die Diskriminierung der Juden in Deutschland sei vor allem durch die staatliche Propaganda bekannt gewesen. Persönlich sei man damit meistens nur dann konfrontiert gewesen, wenn man jüdische Freunde oder Familienmitglieder hatte. Das war aber nur selten der Fall, da die Juden eine winzige Minderheit darstellten. In der Tat waren laut N. Cohn, dem Autor von Warrant for Genocide (1967), im Jahr 1933 nur 0,77 % der deutschen Bevölkerung Juden; ein Bevölkerungsanteil, der sich durch die Emigration in den folgenden Jahren weiter drastisch verringerte. Als nach 1941 Juden in Arbeitslager gebracht wurden, sei das kein Geheimnis gewesen, sagte mein Vater. Begründet wurden diese Maßnahmen damit, dass es Juden nicht erlaubt sei, im deutschen Heer zu dienen und dass es nicht sein könne, dass Deutsche ihr Leben und ihre Gesundheit an der Front aufs Spiel setzten, während sich die Juden zu Hause ein schönes Leben machten. Die Juden müssten jetzt, wo Krieg sei, ebenso wie alle anderen etwas für Deutschland leisten, und da sie nicht kämpfen dürften, müssten sie wenigstens arbeiten, was ohnehin sehr viel ungefährlicher und angenehmer sei als der Kriegsdienst. Dass das Leben im Arbeitslager angenehm sei, habe er der NS-Propaganda nicht abgenommen, sagte mein Vater. Aber dass Heinrich Himmler und seine SS die Juden planmäßig und im großen Stil ermorden würden, ebenso wie Sinti, Roma und Slawen, das habe er sich nicht träumen lassen. Niemals wäre er auf die Idee gekommen, dass die SS mitten im Krieg Menschen ermorden würde, die kriegswichtiges Material produzieren sollten. Auch von der Ermordung der Behinderten hätten sie erst nach dem Krieg erfahren, sagten sowohl mein Vater als auch meine Mutter.

Als meine Mutter das Gymnasium besuchte, war Rassismus zwar ein zentraler Bestandteil ihrer schulischen Ausbildung, an die Diskriminierung jüdischer Mitschüler konnte sich aber auch meine Mutter nicht erinnern. Ich hatte immer meine Zweifel daran, und möglicherweise hat ihr Erinnerungsvermögen hier tatsächlich Einiges geschönt. Es mag aber auch sein, dass es während ihrer Schulzeit keine jüdischen Mitschüler mehr gab. Viele Mitglieder der kleinen jüdischen Minderheit waren nach Hitlers Machtübernahme emigriert, und ab 1938 war jüdischen Kindern generell der Zugang zu öffentlichen Schulen verwehrt.

Wenn mein Vater nach den blutigen Erlebnissen an der Front endlich seinen Arbeitsurlaub in Berlin antreten konnte, wollte er nur etwas von den angenehmen Dingen des Lebens wissen. Mit Deportationen und Ähnlichem wollte er sich nicht befassen müssen. Er hätte davon wohl auch nichts erfahren, hätte es in seiner Familie nicht zwei Vorfälle gegeben, die beide mit der Juden-Deportation zu tun hatten. Einmal war da die Geschichte seines Onkels väterlicherseits. Der Onkel war ein hoher Beamter, ganz oben in der Hierarchie des Reichsministeriums für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. Eines Tages standen unangemeldet zwei SS-Männer vor seiner Tür. Sie seien gekommen, um seine jüdische Frau abzuholen und sie in ein Arbeitslager zu bringen, sagten sie. Da baute sich der Mann in seiner ganzen Größe und mit seiner ganzen behördlichen Autorität vor ihnen auf und erklärte, dass er es ihnen untersage, auch nur einen einzigen Schritt in seine Wohnung zu tun. Er sei deutscher Staatsbeamter, und wenn sie seine Frau mitnehmen wollten, dann müssten sie ihn ebenfalls mitnehmen. Die SS-Männer verschwanden und die jüdische Frau überlebte die Naziherrschaft in Berlin, ohne dass die SS noch einmal bei ihr vorstellig geworden wäre.

Die andere Geschichte hat ein trauriges Ende. Es ist die Geschichte von Frau Kosolovsky. Sie war Jüdin, wohnte in demselben Mietshaus wie die Eltern meines Vaters und war eine Freundin meiner Großmutter. Frau Kosolovsky war Rentnerin und lebte in bescheidenen Verhältnissen. Eine Emigration kam für sie schon aus finanziellen Gründen nicht infrage. Sie glaubte wohl auch, dass sich der Zorn des Regimes vor allem gegen die wohlhabenden Juden richtete, die das Land ja auch tatsächlich in großer Anzahl verlassen hatten. Was sollten die Nazis einer armen Rentnerin schon anhaben wollen? Das dachte Frau Kosolovsky bis zu dem Tag, an dem zwei SS-Männer bei ihr klingelten und ihr erklärten, dass sie fünfzehn Minuten Zeit habe, um das Nötigste zusammenzupacken, da sie in ein Arbeitslager gebracht werde. Ihre Wohnungseinrichtung werde für sie verwahrt. Frau Kosolovsky bat darum, einen Stock tiefer zu ihrer Freundin gehen zu dürfen, um sich von ihr zu verabschieden. Beim Abschied von meiner Großmutter drückte sie ihr heimlich ihren Wohnungsschlüssel in die Hand und bat sie, nach ihrer Abreise ein paar Gegenstände aus der Wohnung zu holen, die für sie persönlich von Bedeutung waren. Meine Großmutter solle sie für sie aufbewahren, bis sie aus dem Lager wieder zurück nach Hause komme. Meine Großmutter willigte ein und holte, wie von Frau Kosolovsky gewünscht, ein paar Bilder, ein Silberbesteck und eine kleine holzgeschnitzte Figur aus der Wohnung. Als in dem Mietshaus einige Zeit später die Bomben einschlugen und meine Großmutter zu Verwandten aufs Land floh, ließ sie die Bilder und das Besteck von Frau Kosolovsky zurück. Die kleine Holzfigur, die sie »Buddha« getauft hatte, nahm sie mit. Wenigstens den Buddha wollte sie ihrer Freundin beim Wiedersehen zurückgeben können. Der Krieg ging zu Ende und der Buddha wartete auf Frau Kosolovsky. Er wartete vergeblich. Frau Kosolovsky kam nicht mehr zurück. Der Buddha war kein lachender Buddha. Es war ein Chinese mit einem strengen Gesicht. Auf der folgenden Seite findet sich seine Abbildung.

Nach dem Tod meiner Großmutter wanderte der Buddha auf das Bücherregal meines Vaters und erhielt dort einen Ehrenplatz. Heute steht er erneut an einem zentralen Platz zwischen Büchern. Es sind meine Bücher. Und der Buddha ist mein ganz persönliches Holocaust-Denkmal.