MACHT


Männer, Frauen und Kinder heben eine Grube aus. Als sie fertig sind, wird ihnen befohlen, sich am Rand aufzustellen. SS-Leute nehmen ihre Maschinenpistolen hoch und feuern. Sie schießen die Menschen »in die Grube hinein«. So nennen sie das. Auf die schreienden und sterbenden Menschen werfen sie Handgranaten. Es kracht. Immer wieder. Bis alles still ist.1

Die Tat lässt uns sprachlos zurück. Und es ist nicht die einzige. Bei Weitem nicht. Eine perfekt organisierte Tötungsmaschine, die vorwiegend aus Einsatzgruppen der SS und Polizeibataillonen bestand, hat im Osten Europas ganze Landstriche entvölkert. Hinter den Linien der kämpfenden deutschen Soldaten hat Hitler einen zweiten Krieg geführt. Seinen Krieg. Seinen Rassenkrieg. Ein Krieg gegen die Wehrlosen und Schwachen. Gegen Kinder, alte Menschen und Frauen. Es ist hier, an dieser Stelle, wo Hitler zum »absolut Bösen« wird.

In unzähligen Abhandlungen und TV-Dokumentationen wurde versucht, eine Antwort auf die Frage zu finden, wie Hitler zum »absolut Bösen« werden konnte. Forscher der unterschiedlichsten Fachgebiete haben Hitlers Eigenschaften, seine Vorstellungen und seine Erfahrungen detailliert untersucht. Und obwohl die Forschung zu dem Thema inzwischen ganze Bibliotheken füllt, konnte sie dieses düstere Rätsel bis heute nicht befriedigend lösen. In ihrer Erklärungsnot greifen die Forscher zu den absonderlichsten Theorien. Mal war der Vater der Grund für das »absolut Böse« in Hitler, mal die Mutter, mal waren es die politischen Vorbilder aus Wien, mal bestimmte Rassentheoretiker, Philosophen oder Komponisten. Andere vermuten, dass Hitlers Erfahrungen als Soldat, die Folgen einer Hypnose, eine Geisteskrankheit oder Rauschgift der Grund dafür waren, dass Hitler zum »absolut Bösen« wurde. Wieder andere behaupten, dass »die Deutschen« die absolut Bösen waren und Hitler ein »Niemand«, der dem kollektiv bösen Deutschland als Projektionsfläche diente. Darüber hinaus gibt es eine Unmenge von weiteren Hypothesen, wie die, dass Hitler von »Hintermännern« gesteuert war und dass Großkapitalisten, Schwarzmagier, Außerirdische oder der Teufel höchstpersönlich ihn für ihre Zwecke benutzt haben. Nun ist die Qualität einer Antwort immer abhängig von der Qualität der gestellten Frage. Wer die falschen Fragen stellt, der tut sich schwer, richtige Antworten zu erhalten. So ist es auch hier.

Versuchen wir einmal, uns einen Menschen vorzustellen wie Hitler – ein Mensch mit denselben Vorstellungen, Erfahrungen und Eigenschaften wie er, der nicht die Macht besitzt, die der Reichskanzler Adolf Hitler besaß, den wir kennen. Dieser (machtlose) Hitler wäre nicht »der Führer« gewesen, sondern nur der »Herr von nebenan«, der »Herr Hitler« eben. Wie hätte das Leben dieses Menschen ausgesehen? Auch der »Herr Hitler« hätte keine Skrupel gehabt, zu lügen, wenn es ihm zweckdienlich erschienen wäre. Auch er wäre in gewissen Momenten unbeherrscht und jähzornig gewesen. Er hätte geglaubt, das menschliche Leben sei ein biologisches Phänomen, bei dem es darum geht, dass der Stärkere überlebt. Auch unser »Herr Hitler« wäre davon überzeugt gewesen, dass der Kommunismus eine finstere jüdische Verschwörung sei und er selbst ein Genie. Auch er hätte die Auffassung vertreten, dass Behinderte, Juden, Sinti, Roma, Slaven und Kommunisten in dieser Welt keine Daseinsberechtigung hätten. Er hätte sehr viel gelesen und ein hervorragendes Gedächtnis gehabt. Genau wie sein Doppelgänger hätte auch »Herr Hitler« die Malerei von Hans Makart geliebt und eine Überdosis von Richard Wagners Opern konsumiert. Auch er wäre vom Vater geschlagen und von der Mutter verwöhnt worden, hätte im Ersten Weltkrieg das EK I erhalten, hätte für die Malerei der Moderne nur Verachtung übriggehabt, und natürlich hätte auch »Herr Hitler« geglaubt, dass die Juden an allem schuld seien und dass die arischen Deutschen den Osten Europas von Slaven »reinigen« müssten, weil sie »Lebensraum« brauchen.

Ohne Macht – was wäre aus unserem »Herrn Hitler« geworden? Was wüssten wir heute von ihm? Nichts. »Herr Hitler« hätte ein Leben gelebt wie Millionen andere Menschen auch. »Herr Hitler« hätte Ideen, überzeugungen und Visionen gehabt, menschenverachtende – ganz sicher, aber er hätte sie nicht verwirklichen können. Vielleicht hätte »Herr Hitler« ein paar Sinti, Roma, Juden oder Kommunisten erschlagen und wäre dafür ins Gefängnis gewandert. Vielleicht hätte er dadaistische Kunstwerke zerstört. Vielleicht hätte er seine wagnerianische Erlösung durch einen glorreichen Tod herbeigesehnt und hätte sich mit einem Fahrzeug voller Passagiere einen Abhang hinuntergestürzt. Grausam wäre das gewesen, ohne Zweifel. Aber zum »absolut Bösen« hätte das nicht gereicht. Nicht einmal eine Fußnote wäre der Geschichtsschreibung unser »Herr Hitler« wert. Denn der Grund für das »absolut Böse« ist nicht Hitlers Charakter, es sind nicht seine Überzeugungen und Ideen und es ist auch nicht seine Ideologie – es ist die grenzenlose Macht, über die er verfügte. Ohne diese Macht hätte es das »absolut Böse« niemals gegeben. Erst diese Macht ist es, die Auschwitz und Stalingrad möglich gemacht hat.

Daher führt die Frage nach dem »absolut Bösen« in die Irre. Wonach wir stattdessen fragen müssen, ist: Wo liegt der Ursprung von Hitlers Macht? Was war der Grund dafür, dass »Herr Hitler«, also der Mann mit den zuvor geschilderten Erfahrungen, Eigenschaften und Vorstellungen, die gesamte Macht eines modernen Industriestaates zu Füßen gelegt bekam?

1. Siehe: K.-M. Mallmann u. a. (Hrsg.), »Die ›Ereignismeldungen UdSSR‹ 1941. Dokumente der Einsatzgruppen in der Sowjetunion«, Darmstadt 2011; siehe auch: K. Stoll: »Die Herstellung der Wahrheit. Strafverfahren gegen ehemalige Angehörige der Sicherheitspolizei für den Bezirk Bialystok«, Diss. Universität Bielefeld 2011, Reihe Juristische Zeitgeschichte/Abteilung 1, Band 22, Berlin/Boston 2012; siehe auch: E. Klee, W. Dreßen, V. Rieß, »Schöne Zeiten – Judenmord aus der Sicht der Täter und Gaffer«, Frankfurt am Main 1997