HINTERGRUND


Den Anstoß zur Beschäftigung mit Adolf Hitler hat mir Hollywood gegeben. Das erstaunt zunächst nicht, denn schließlich hat Hitler der US-Filmindustrie zu unzähligen Blockbustern verholfen. Auch die Dokumentarfilmer sind Hitler zu Dank verpflichtet. Allabendlich spaziert der Mann mit dem Schnauzbart durch unzählige Dokumentarfilme des amerikanischen Fernsehens, oft auf mehreren Kanälen gleichzeitig.

Als ich in Los Angeles in der Filmindustrie gearbeitet habe, waren fast alle meine amerikanischen Freunde in der einen oder anderen Form ebenfalls dort beschäftigt. Der tägliche hautnahe Kontakt mit dieser gigantischen Illusions-Fabrik hatte viele meiner Freunde immun gemacht für den Glauben daran, dass die Medien so etwas wie Wahrheit verbreiten, lange bevor die Parole von den »Fake News« die Runde machte. Sarah und Jeff zum Beispiel waren beide bei Disney im Story Department beschäftigt. Als wir einmal abends beisammensaßen, wurde im Fernsehen eine Hitler-Doku gezeigt. Es waren die üblichen Bilder von Aufmärschen, begeisterten Massen und Krieg. Begleitet war das Filmmaterial von den Kommentaren prominenter Historiker im Studio, die Hitler als intellektuell unbedarft und kulturell ahnungslos porträtierten. Erstaunt stellte ich fest, dass weder Sarah noch Jeff diesen Fachleuten auch nur ein einziges Wort glaubten. Hitler habe das 20. Jahrhundert geprägt wie kein anderer Mensch, sagten sie. Wäre Hitler tatsächlich intellektuell unterbelichtet gewesen, wäre ihm das niemals gelungen. Sarah und Jeff waren davon überzeugt, dass es sich bei der Darstellung Hitlers um einen »Spin«, ein bewusstes Täuschungsmanöver, handelte. Sarah sagte: »Wenn du bei Disney arbeitest, dann weißt du, wie gefälschte Mythen fabriziert werden.« Für mich war dieser Kommentar vor allem Eins: überraschend. Das Hitler-Bild der Historiker – ein »gefälschter Mythos«? So etwas hatte ich in Deutschland nie gehört. Entsprechende Äußerungen kommen dort höchstens aus der hintersten tiefbraunen Ecke. Aber meine amerikanischen Freunde waren freiheitlich-liberal gesinnte Menschen, unendlich weit entfernt von irgendeiner Dritte-Reich-Nostalgie.

Ich selbst hatte, bevor ich begann, in Los Angeles zu arbeiten, seit meinem Abitur vorwiegend im Ausland gelebt. Was ich während der Schulzeit über Hitler im Fernsehen gesehen und in Büchern und Zeitungen gelesen hatte, war aber derart umfassend gewesen, dass alles, was mit seiner Person zu tun hatte, für mich schon seit langer Zeit »durch« und »gegessen« war. Zumal immer dann, wenn in den Medien etwas angeblich »Neues« über ihn berichtet wurde, dieser Bericht am Ende eben doch nichts wirklich Neues zum Inhalt hatte. Alles, was ich seit meiner Schulzeit über Hitler gehört oder gelesen hatte, waren immer nur Varianten derselben altbekannten Geschichte gewesen. Seit Jahrzehnten wird diese Angelegenheit in den deutschen Medien mit einer derartigen Beharrlichkeit durchgekaut, dass selbst der hungrigste Medienkonsument irgendwann übersättigt ist und das Interesse verliert. Mit meinem Desinteresse an der Hitler-Thematik war ich damals ganz sicher nicht allein. Wahrscheinlich ging es vielen Deutschen genauso wie mir, und ich nehme an, dass sich das auch bis heute nicht geändert hat.

Es waren schließlich aber nicht Sarah und Jeff, die mich dazu angeregt haben, Hitler genauer zu erforschen. Den Anstoß dazu hat meine Freundin Harriet gegeben. Sie hatte in Wien studiert und, wohl aufgrund ihrer jüdischen Herkunft, begonnen, sich für das Leben des jungen Hitler zu interessieren. Harriet kannte Details, die mir unbekannt waren, und während unserer langen Spaziergänge durch Los Feliz tauchten Fragen zu gewissen Ungereimtheiten auf, zu denen wir beide die Antworten nur allzu gerne gekannt hätten. Mein Geschichten-Erzähler-Instinkt sagte mir, dass in dem Leben des österreichischen Beamtensohnes vielleicht doch etwas Interessantes – möglicherweise vielleicht sogar etwas sehr Interessantes – verborgen sein könnte.

Ich begann also zu recherchieren und suchte, immer wenn ich in Deutschland war, entsprechende Spezial-Bibliotheken auf. Je länger ich recherchierte, umso klarer wurde mir, dass die Überpräsenz Hitlers in den Medien einen falschen Eindruck erweckt. Hitler ist nicht, wie man meinen könnte, »abschließend erforscht« und somit bei den Historikern eben gerade nicht »durch« und »gegessen«. Im Gegenteil: Wie in der Einleitung erwähnt, ist Hitler für die Geschichtswissenschaft ein gravierendes und bis heute ungelöstes Forschungsproblem. Im Verlauf dieses Textes wird deutlich werden, worin dieses Problem im Einzelnen besteht.

Im Mittelpunkt meiner Recherchen stand der Mensch Adolf Hitler mit dem Fokus auf dessen Selbstverständnis. Um das Selbstverständnis einer historischen Figur zu ergründen, muss man fähig sein, sich in die Lage dieser Figur zu versetzen. Grundvoraussetzung dazu ist Empathie, d. h. Einfühlungsvermögen und Mitgefühl. Das ist bei einer Figur wie Hitler nicht einfach, da man hier, vor dem Hintergrund seiner Taten, unwillkürlich den Impuls verspürt, sich distanzieren zu wollen. Die Distanz darf aber nicht so weit gehen, dass es an Empathie fehlt. Denn ohne Empathie ist das Erfassen eines Menschen unmöglich. An diesem Punkt brachte meine persönliche Lebenssituation einen Vorteil mit sich, der es mir wesentlich erleichtert bzw. überhaupt erst ermöglicht hat, die bei dieser Art der Arbeit unverzichtbare Empathie aufzubringen: Weit über die Hälfte meines Lebens habe ich außerhalb Deutschlands verbracht.

Wer in Deutschland zu Hause ist, weiß, dass das Thema ›Hitler‹ hier von einer ganz besonderen Aura umgeben ist. So allgegenwärtig Hitler in den Medien auch ist, seine Person ist kein Thema, das man erörtert – jedenfalls nicht öffentlich. Um Hitler wird in der deutschen Öffentlichkeit ein gewaltiger Bogen gemacht, und Äußerungen zu seiner Person sind ausschließlich Historikern und anderen Fachleuten vorbehalten, die in der Thematik geschult sind. Wer als Nicht-Fachmann in die unangenehme Lage gerät, sich öffentlich zu Hitler Äußern zu müssen, der tut gut daran, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Ist man hier nicht auf der Hut und lässt man sich zu einer unbedachten Äußerung hinreißen, so kann das höchst unangenehme Konsequenzen haben. Im folgenden Kapitel komme ich noch einmal darauf zurück.

Als »deutschem Ausländer« sind mir der öffentliche Eiertanz und die daraus resultierende Befangenheit im Zusammenhang mit der Person Hitlers natürlich vertraut, aber ich teile die Befangenheit nicht. Die »Schere im Kopf«, die Zensurinstanz, die man als Deutscher im Zusammenhang mit Hitler unbewusst verinnerlicht hat und die einen davor bewahrt, »gefährliche« Gedanken zu denken, noch bevor man in Versuchung gerät, sie auszusprechen, diese Zensurinstanz funktioniert bei mir ebenso wenig wie bei einem anderen Ausländer. Nur daher war es mir möglich, mich als Deutscher und Nicht-Historiker überhaupt mit dieser Materie beschäftigen zu können und dabei auch noch Einfühlungsvermögen und Mitgefühl für meinen Protagonisten an den Tag zu legen, ohne von warnenden inneren Stimmen geplagt zu werden. So hat es mir der kosmopolitische Hintergrund meines Lebens erlaubt, das einschlägige Material mit dem unverstellten Blick eines Nicht-Deutschen analysieren zu können. Da ich aber in der deutschen Sprache und Kultur immer noch genügend verwurzelt bin, war ich in der Lage, die entsprechenden historischen Dokumente mit dem notwendigen sprachlichen Feingefühl einschätzen zu können.

Rasch wurde mir klar, dass der Mensch, dessen Selbstverständnis ich ergründen wollte, hinter der Fassade von NS-Propaganda und Gegenpropaganda auf der Strecke geblieben war. Zwischen Legende und Karikatur ist der Mensch Hitler verschwunden. Erst nach eingehenden Recherchen, die sich über viele Jahre erstreckten, tauchte aus dem Nebel von Verklärung und Verdammung ein Mensch auf: der Fokus meiner Arbeit. Ihren vorläufigen Abschluss fand meine jahrelange Beschäftigung mit dem Thema im Jahr 2010 mit der Veröffentlichung von Young Hitler, einer »Non-Fiction Novel«, die bei Quartet Books, London, erschienen ist. In diesem semi-fiktionalen Text erzähle ich die erste Lebenshälfte Hitlers. Das vorliegende Buch ist hingegen ein Sachbuch. Es beinhaltet die Quintessenz meiner Recherchen und umfasst Hitlers gesamtes Leben, wobei auch die neuere und neueste wissenschaftliche Forschung berücksichtigt ist.

Das Faktenmaterial zum Thema Hitler ist gewaltig und die Hitler-Forschung hat sich innerhalb der Geschichtswissenschaften inzwischen zu einer eigenen Disziplin ausgewachsen. Monografien, Aufsätze, Handbücher und Dissertationen analysieren Hitlers Vorlieben und Abneigungen, seine psychischen und physischen Probleme, seine Freunde und Feinde, seine Vorfahren, seine Vorbilder, seine politischen und privaten Entscheidungen. Reisen, Wohnorte, Tagesabläufe, die benutzten Verkehrsmittel und die eingenommenen Medikamente – alles in diesem Leben wurde minutiös erforscht. Und dennoch: Die wissenschaftliche Literatur, die sich mit seiner Person beschäftigt, wächst beständig weiter an. Das Meer der Veröffentlichungen wird mit jedem Jahr größer und ist inzwischen zu einem Ozean angeschwollen, dessen Ausmaße kaum noch messbar sind. Dieser Ozean geht über in die vollkommen unüberschaubaren Fluten der populärwissenschaftlichen Hitler-Literatur.

Taucht man in diesen Gewässern, so begegnet einem neben einer Unmenge akribisch erforschter Fakten viel Unausgegorenes. Nicht wenige Texte stammen von Forschern, die des Deutschen kaum mächtig sind und nicht wissen, was sich hinter der Kurrentschrift verbirgt, die aber dennoch glauben, etwas zum Thema beitragen zu müssen. Von deutschen Autoren wiederum wird viel Volkspädagogik betrieben, um vermeintlich naive Nicht-Historiker mit gefällig reduzierten Geschichtsdarstellungen »aufzuklären«. Befreit von der Last realer Komplexität, geht es in diesen Darstellungen nicht um Erkenntnis, sondern um Wirkung: ein betreutes Denken, das meist nur dürftig mit Fakten unterfüttert ist und in erster Linie aus Meinung besteht. Quellenmaterial wird unterschlagen oder bewusst falsch interpretiert, um gewisse Thesen zu stützen, und eine Fülle von Darstellungen gefällt sich darin, dieselben altbekannten Inhalte ein wenig zu variieren, um sie mantraartig zu wiederholen. Aus diesen geglätteten Erzählweisen sind im Laufe der Zeit Legenden entstanden, die beständig abgeschrieben werden, sodass der Eindruck entsteht, dass es sich dabei um Fakten handelt, die dann nicht selten auch von wissenschaftlich arbeitenden Autoren übernommen werden. Viele akademische Forscher haben darüber hinaus in Bezug auf Hitlers Person einen Tunnelblick entwickelt, der sie nur noch den Aspekt ihrer Untersuchung sehen lässt und den ganzen Menschen vergisst.

Allgemein geht der Trend, gerade auch bei Historikern, in Richtung »Histotainment«, und bei vielen Darstellungen ist unschwer zu erkennen, dass cleveres Marketing der Ausgangspunkt der Bemühungen war und nicht etwa wissenschaftliche Neugierde. Historische Gemeinplätze werden wiedergekäut und in einer Mogelpackung als »neu« und »überraschend« verkauft, oder man produziert »sensationelle« Thesen, die man mithilfe von nicht vorhandenen Belegen zu untermauern versucht. Periphere Ereignisse werden in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt, und Forschungsergebnisse, die einer »sensationellen« These widersprechen, werden kleingeredet oder schlicht ignoriert. Alle paar Jahre erscheinen zudem auch noch neue Hitler-Biografien, deren Autoren inzwischen Theaterregisseuren gleichen, die nicht müde werden, dasselbe altbekannte Stück beharrlich aufs Neue zu inszenieren. Zwischen enorm viel Überflüssigem und Unlesbarem finden sich aber auch heute noch bemerkenswerte wissenschaftliche Entdeckungen.

Auf diese Entdeckungen kam es mir an. Die akademische Hitler-Forschung der vergangenen Jahrzehnte hat ohne Zweifel Gewaltiges geleistet. Und die akribischen Recherchen neuerer und neuester Forschungen haben den Fundus an wertvollem Wissen wesentlich ergänzt und erweitert. Das hat meine Arbeit überhaupt erst ermöglicht. Selbstverständlich bin ich nur ein Zwerg auf den Schultern von Riesen. Noch dazu bin ich ein Zwerg, der auf den Schultern der Historiker-Giganten eigentlich überhaupt nichts verloren hat. Ich bin Drehbuchautor, ein Laie, ein Hobby-Forscher. Das hat allerdings auch seine Vorteile. Anders als spezialisierte Historiker bin ich nicht gefangen im dichten Gestrüpp von Debatten über belanglose Details. Und ich bin nicht gezwungen falsche Rücksichten zu nehmen, sondern kann es mir erlauben, im Zweifelsfall meinem eigenen Verstand mehr zu vertrauen als der wissenschaftlichen Orthodoxie. Wo es mir notwendig erschien, habe ich das aus meiner Sicht Wesentliche vom Unwesentlichen befreit. Denn der Fokus meiner Recherche war niemals nur der einzelne Baum, sondern immer der ganze Wald. Vor allem die Freiheit zu beurteilen, welche Darstellungen welcher Zeitzeugen ich als glaubwürdig erachte und welche nicht, war mir wichtig.

So sind beispielsweise Hitlers Tischgespräche im Führerhauptquartier (1951) und Monologe im Führerhauptquartier (1980) sicherlich von dem Bemühen der Adjutanten Henry Picker und Heinrich Heim getragen, die Worte Hitlers möglichst exakt wiederzugeben. Die Texte wurden aber von Hitler niemals autorisiert. Seine Äußerungen wurden von den Protokollanten nachträglich aus dem Gedächtnis aufgezeichnet, sie wurden hinterher editiert und zum Teil redigiert und Manipulation kann nicht ausgeschlossen werden.1 Diese von vielen Historikern als Hitler-O-Ton zitierten Texte habe ich nur in denjenigen Fällen herangezogen, in denen sich Belege für ähnliche Aussagen Hitlers auch noch an weiteren Stellen finden lassen. Und ich habe sie immer als Wiedergabe des Protokollanten gekennzeichnet.

Eine gewaltige Widersprüchlichkeit hinsichtlich des Quellenmaterials offenbart sich bei der Charakterisierung von Hitlers Person. Hier existieren zu demselben Aspekt oft diametral entgegengesetzte Versionen. Diese unterschiedlichen Darstellungen sind, wie alle Berichte von Zeitzeugen, abhängig davon, was die jeweilige Person aus ihrer Perspektive überhaupt in der Lage war zu erfassen. Darüber hinaus sind diese Texte aber auch noch dadurch gefärbt, dass viele Zeitzeugen ihre persönliche Rolle im Zusammenhang mit Hitler entsprechend darstellen wollten, abhängig davon, ob sie ihre Aussagen während Hitlers Regierungszeit oder danach gemacht haben.

Gerade in den ausgedehnten Gebieten der Memoirenliteratur muss man die Absicht der Autoren im Blick haben. Manche Texte, wie beispielsweise In Hitlers Schatten2 (2005), wo die Aufzeichnungen von Hitlers dienstältestem Adjutanten Julius Schaub wiedergegeben sind, erweisen sich als wenig ergiebig, da die Autoren aus Treue zu Hitler gerade diejenigen Themen ausklammern, die aufschlussreich wären. Andere Zeitzeugen, wie Leni Riefenstahl in ihren Memoiren (1987), zeichnen ein unkritisches – man könnte auch sagen: ehrliches – Bild von Hitler. Aber das sind nur ganz wenige. Von 1937 bis zu Hitlers letztem Besuch im Juli 1944 gehörte Maria von Below, zusammen mit ihrem Mann Nicolaus von Below, zu Hitlers engsten Vertrauten auf dem Berghof. Maria von Belows Aufzeichnungen aus dem Jahr 1986 könnten sicherlich einen interessanten Einblick in die Vorstellungswelt der Gäste des Berghofs vermitteln, sie wurden aber niemals veröffentlicht. Sie habe aufschreiben wollen, »was man nicht mehr zu erzählen wage«, hatte Maria von Below erklärt. Heute befindet sich ihr Text im Privatarchiv ihres Sohnes Claus Dirk von Below3. Nachdem Claus Dirk von Below der Historikerin Heike B. Görtemaker Einsicht in die Aufzeichnungen seiner Mutter gewährt hatte, zitierte sie den Text in sehr begrenztem Umfang in ihrem Buch Hitlers Hofstaat (2019). Die verstorbene Autorin habe »hartnäckig an ihrer Vorstellung von einer vermeintlich heilen Welt auf dem Berghof« festgehalten, urteilte die Historikerin.4

Renommierte Verlage wollen keine Texte veröffentlichen, die positive oder auch nur normale Eigenschaften Hitlers erwähnen oder aus denen gar eine gewisse Faszination herausgelesen werden kann. Derartiges wird in Deutschland sofort in die Ecke »rechte Schundliteratur« verwiesen. Ist ein Text von einem Feuilletonisten erst einmal mit diesem Brandzeichen versehen, lassen alle anderen Feuilletonredaktionen die Finger davon. Ab sofort liest man keine einzige Besprechung mehr und es scheint, als habe es das Buch nie gegeben. Folglich lässt es sich auch kaum mehr verkaufen. So kommt es, dass Erinnerungen, welche Hitler so schildern, wie er von dem jeweiligen Zeitzeugen tatsächlich erlebt wurde, von wenigen Ausnahmen abgesehen, kaum jemals eine breitere Öffentlichkeit erreicht haben.

Weiteste Verbreitung hat dagegen die überwiegende Mehrzahl der Darstellungen gefunden. Die Autoren dieser Berichte haben versucht, die eigene Nähe zu Hitler zu entschuldigen. Das taten sie, indem sie ihn jetzt, nachdem alles vorbei war, kritisierten, wo immer sie konnten, ihn abschätzig beurteilten, ihn mit Sarkasmus übergossen oder in den düstersten Farben porträtierten. Hier entstand eine ganze Gattung von Selbstrechtfertigungsliteratur, in der diese Kronzeugen, um sich zu distanzieren, Hitler neu erfanden. Albert Speer, Hitlers Architekt, der mit seinen Erinnerungen (1969) zum Bestsellerautor avancierte, ist hier an vorderster Stelle zu nennen. Und so, wie Albert Speer von dem Historiker und Journalisten Joachim Fest und dem Verleger Wolf J. Siedler bei der Abfassung seiner Hitler-Neuerfindung betreut wurde, genauso griffen andere Journalisten und Historiker anderen Selbstrechtfertigungsliteraten bei der Abfassung ihrer Texte nur allzu gerne unter die Arme und gaben deren Berichten und dem darin enthaltenen Hitler-Bild seine Form und ein scheinbar authentisches Flair. Die Selbstrechtfertigungs-, Neuerfindungs- und Lügengeschichten der »Eingeweihten« aus Hitlers allernächster Umgebung hat die Geschichtsschreibung jahrzehntelang beharrlich zitiert. Durch die akribische Untersuchung von Magnus Brechtken aus dem Jahr 2017 ist Albert Speer heute in vielerlei Hinsicht der Lüge überführt. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass Speers vermeintlich wahrheitsgetreuer Bericht, ebenso wie die Berichte anderer Selbstrechtfertigungsliteraten, die wesentliche Grundlage der wissenschaftlichen Literatur darstellen, bei der die Person Hitlers im Mittelpunkt steht. Auf dieser Basis ist, beruhend auf einem gegenwartstauglichen Opportunismus, ein historisch-wissenschaftliches Zerrbild von Hitler entstanden.

Will man die Persönlichkeit Hitlers näher ergründen, ist nicht zuletzt er selbst eine wichtige Quelle. In Wort und Schrift hat er sich zu den verschiedensten Themen geäußert, auch zu seiner Person. Wie alle Politiker aller Zeiten hat Hitler sehr viel gelogen. Und er hat die Wahrheit gesagt. Hin und wieder. Die Tatsache, dass Hitler viele Verfälschungen, Verdrehungen, Beschönigungen usw. nachgewiesen werden konnten, hat dazu geführt, dass ihn die Forschung als notorischen Lügner eingestuft hat. Das aber wiederum hat die Wahrnehmung der Forschung getrübt, und es wurden und werden Fälschungen auch dort gesehen, wo alles dafür spricht, dass Hitlers Bekundungen den Tatsachen entsprechen.

Viele Jahre lang war ich mit der Analyse von historischen Dokumenten und Sekundärliteratur beschäftigt. Hierbei musste ich die Fakten oft von Klischees befreien. Diese lange eingeübten Denkfiguren haben den Blick auf die Person, um die es geht, gewaltig getrübt. Sie beruhen zum großen Teil auf den oben genannten höchst zweifelhaften und tendenziösen Berichten, die durch jahrzehntelanges, beständiges Wiederholen inzwischen allgemein als »wahr« akzeptiert sind. Das Vorhandene musste ich also mit einer gesunden Portion Misstrauen erforschen und dabei gleichzeitig ergebnisoffen bleiben. Und ich musste mich jenseits der üblichen Denkgewohnheiten bewegen und bereit sein, auch das Unmögliche zu denken. Auf der Grundlage von wenig bekannten Forschungsergebnissen entstand eine neue Sicht auf seit Langem erforschte Fakten und ließ ein verändertes Bild entstehen. Als dann die Ergebnisse neuerer und neuester Forschung zu einem Verdacht führten, der sich durch kürzlich bekanntgewordene Dokumente in Gewissheit verwandelte, stand das Bild, das üblicherweise von Hitler gezeichnet wird und das zunächst natürlich auch in mir vorhanden war, plötzlich auf dem Kopf. Oder soll ich vielleicht besser sagen, dass das gewohnte Hitler-Bild auf einmal vom Kopf auf die Füße gestellt war?

Bei meinen Recherchen im Dschungel der Nachkriegslegenden hat mir Hintergrundwissen aus erster Hand sehr geholfen. Mein Vater 5 war zweiundzwanzig Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg begann. Als angehender Journalist hat er die politischen Entwicklungen während der Hitlerzeit mit wachem Verstand verfolgt. Aber auch wenn er mir von kleinen alltäglichen Begebenheiten erzählte, waren das wichtige Informationen, weil sie mir halfen, ein Gefühl für das Leben in dieser Zeit zu entwickeln. So erzählte mir mein Vater zum Beispiel von seiner Überraschung, als der Briefträger, der ihn seit Jahren mit »Guten Morgen!« begrüßt hatte, plötzlich zur Begrüßung den Arm hob und »Heil Hitler!« murmelte. Auch dass mit einem Mal immer mehr Menschen damit anfingen, ihre Briefe, die sie seit jeher »Mit freundlichen Grüßen« beendet hatten, mit »Heil Hitler!« zu unterzeichnen, hat mir mein Vater erzählt. Auf meine Frage sagte er mir, dass niemand dazu gezwungen wurde, dass die Menschen es taten, einfach nur, weil es allgemein üblich war.

Nach dem Krieg war mein Vater einer der wenigen »unbelasteten« Journalisten. Von den amerikanischen Besatzern wurde er in die USA eingeladen und durfte Präsident Truman im Weißen Haus besuchen. Die Amerikaner hatten ihn dazu ausersehen mitzuhelfen, die Deutschen nach der Indoktrination durch das NS-Regime nun gemäß der Werte einer westlichen Demokratie politisch neu zu programmieren. In der Nachkriegszeit war mein Vater dann beim Bayerischen Rundfunk tätig, der damals noch Radio München hieß. Die Kommentare und Erinnerungen meines Vaters haben es mir ermöglicht, Zeitdokumente besser einschätzen und beurteilen zu können. Geholfen hat mir dabei auch meine Erfahrung als kritischer Leser. Mein Leben lang habe ich zu den verschiedensten Themen Texte gelesen, vor allem wissenschaftliche und journalistische. Durch die intensive Beschäftigung mit dem geschriebenen Wort entstand mit der Zeit ein Gefühl dafür, welcher Text plausibel, bzw. »wahr« klingt und welcher nicht. Natürlich kann ich mich täuschen. Aber wenn es darum geht, Wahres von Unwahrem zu unterscheiden, gibt es oft keine andere Möglichkeit, als dem eigenen inneren »Bullshit-Detektor« zu vertrauen. Und genauso, wie ich selbst mein Urteil darüber zu treffen hatte, welcher Information ich Glauben schenke und welcher nicht, lade ich meine Leser dazu ein, dasselbe beim kritischen Lesen meines Buches zu tun.

1. M. Nilsson, »Hitler redivivus: Hitlers Tischgespräche und Monologe im Führerhauptquartier – eine kritische Untersuchung«, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 65 (2019), S. 105–146

2. Schaub befand sich als Adjutant und Diener vom Anbeginn von Hitlers Karriere 25 (!) Jahre lang in dessen unmittelbarer Nähe. Die Erinnerungen von Schaub lassen erkennen, dass er den opportunen Gesinnungswandel vieler anderer Hitler-Vertrauter nach 1945 nicht mitgemacht hat. Aus Treue zu Hitler klammern Schaubs Aufzeichnungen aber gerade diejenigen Aspekte aus, die interessant sein könnten, und der Text erschöpft sich zum größten Teil in einer Aufzählung belangloser alltäglicher Vorkommnisse. Der Herausgeber des Buches, der Historiker Olaf Rose, ist NPD-Politiker. Daher werden die Erinnerungen Schaubs von der akademischen deutschen Geschichtsschreibung gemieden. Schaub ist aber zweifellos ein Zeitzeuge allerersten Ranges. Auf Hitlers Befehl hin hat Schaub 1945 sämtliche Schriftstücke, die in Tresoren in Berlin, München und im Berghof lagerten, verbrannt. Die Schilderung dieser Aktion, ebenso wie die wenigen anderen Stellen des Buches, die wissenswert erscheinen, sind hier zitiert – trotz der politischen Tätigkeit des Herausgebers.

3. Maria von Below, »Unveröffentlichte Aufzeichnungen über ihre persönlichen Erlebnisse im Kreis um Hitler«, Detmold 1986, in: Privatarchiv Claus Dirk von Below

4. H. B. Görtemaker, »Hitlers Hofstaat«, Kindle-Version 2019, Kindle-Position 4273

5. Der Vater des Autors, Dieter Fuss (1917–2014), hat nach dem Krieg viele Radiosendungen für den Bayerischen Rundfunk verfasst. Die Themen kreisten um Politisches und häufig auch um Vorgänge im Dritten Reich. So etwa die Sendung Ein Volk, ein Reich, ein Rundfunk! (1973), in der die journalistische Rundfunktätigkeit während des Dritten Reiches beschrieben wird.